Wie aus Unrecht Gewalt wird

Der Franzose Éric Vuillard lässt sich in „Der Krieg der Armen“ von Thomas Müntzers Furor anstecken.
  • : Der Krieg der Armen. Übersetzt von Nicola Denis. Matthes & Seitz, 64 Seiten, 16 Euro. Foto: Matthes & Seitz
Thomas Müntzers Zorn ist groß. Und er wächst weiter, bis er keine Grenzen mehr kennt, bis er groß genug ist, das ganze Land in Brand zu setzen. Der Zorn Gottes ist zum Zorn der Bauern und einfachen Menschen geworden, zum Zorn der Unterdrückten. Dann steht Müntzer, der um 1489 im Südharz geborene Theologe, vor Herzog, Vogt und Rat, predigt vom Traum Nebukadnezars, von zerstörten Reichen und abgehauenen Bäumen – und spricht dann: „Man soll die gottlosen Regenten töten.“

Der Reformator Müntzer, der 1524 den Deutschen Bauernkrieg entfesselte und nach dessen blutiger Niederschlagung 1525 enthauptet wurde, ist eine historische Figur, in der sich die Wut der Entrechteten personifiziert – und deswegen die Idealbesetzung für ein Buch des Franzosen Éric Vuillard, der in seinen Werken die Geschichte aus brutal subjektiver Perspektive zum Leben erweckt. Der 1968 geborene Autor und Regisseur beschäftigte sich in den vergangenen Jahren unter anderem mit der Französischen Revolution („14. Juli“) und dem Ersten Weltkrieg („Die Ballade vom Abendland“). Für „Die Tagesordnung“ erhielt er den Prix Goncourt, den wichtigsten Buchpreis seines Heimatlandes.

Parteinahme für die Ärmsten

Wie schon in früheren Werken schlägt sich Vuillard in dem 64 Seiten dünnen Büchlein „Der Krieg der Armen“ ganz klar auf die Seite der Menschen ganz unten und hat selbst für den Blutrausch der Bauern Sympathie. Dass der Schriftsteller von Marx und anderen linken Theoretikern geprägt wurde, spürt man auf fast jeder Seite. Vuillard schreibt nicht nur von Müntzer, er greift auch auf die revolutionären Reformatoren John Wyclif und Jan Hus zurück, blickt voraus zur Französischen Revolution und in die Gegenwart. Immer wird aus Wut Gewalt, wenn die Mächtigen blind sind für die Not der Bevölkerung.

Vuillard lässt sich sprachlich vom Furor des gescheiterten Bauernbefreiers anstecken, sein Text liest sich wie eine flammende Predigt und steckt voller beeindruckender Bilder, wenn etwa die Erfindung des Buchdrucks mit einer glühenden Masse verglichen wird, die durch Europa und „zwischen die Buchstaben sämtlicher Namen“ fließt.

Ein Text, der sich auch an die Privilegierten von heute richtet. Ein Buch wie ein Schwerthieb. Marcus Golling
© Südwest Presse 25.03.2020 07:45
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