Leitartikel Dorothee Torebko zur den Olympischen Sommerspielen in Tokio

Absage als Chance

  • Dorothee Torebko Foto: MMH
Wenige Stunden vor dem Platzen ihres Traums postete die deutsche Sprinterin Gina Lückenkemper noch ein Foto von sich im Park: in Startblockpose, angebunden an ein elastisches Gummiband, das Ziel Olympische Spiele vor Augen. Das Training kann Lückenkemper jetzt ruhen lassen. Für die Olympiaathleten ist Tokio 2020 Geschichte. Das haben IOC und Japans Premier Abe entschieden. Es ist die richtige, ja, die einzige Entscheidung. Die Welt ist im Corona-Krisenmodus und die Gesundheit der Sportler, Fans, Organisatoren sollte an erster Stelle stehen. Doch mit der Verschiebung um ein Jahr ist es nicht getan. Jetzt erst beginnen die Probleme, die aber auch Chancen in sich bergen können.

Olympische Spiele sind für Randsportler ein Schaufenster. Vier Jahre lang bereiten sich Ruderer, Ringer und Gewichtheber darauf vor, einmal im Rampenlicht zu stehen. Dass ihnen diese Bühne nun genommen wird, ist eine mittlere Katastrophe. Die Vorbereitung lässt sich nicht einfach konservieren. Das Training beginnt von Neuem. Doch es geht um mehr als Gold, Silber, Bronze. Es geht um Geld. Sportler sind Einzelunternehmer, die auf Großereignisse angewiesen sind und denen Sponsorengelder verloren gehen. Manche werden vielleicht um ihre Existenz kämpfen müssen.

Auch die Veranstalter sind mit massiven Problemen konfrontiert. Japan wird Milliarden verlieren. Die Messehallen in Tokio sind für das Jahr 2021 längst vermietet. Millionen Hotelgäste werden ihre Zimmer stornieren – wer übernimmt die Kosten? In Zeiten der heraufziehenden Weltwirtschaftskrise kann wohl niemand Garantien aussprechen. Zudem finden 2021 die Weltmeisterschaften im Schwimmen und der Leichtathletik statt. Nun muss geklärt werden, wie die WMs in die Olympischen Spiele integriert werden. Dazu müssen die WM-Organisatoren Deals mit dem IOC und den Sponsoren schließen.

Statt diese Probleme früher anzupacken, hat IOC-Präsident Thomas Bach abgewartet und mit der Gesundheit der Sportler gespielt. Er wollte die Geldmaschine Olympia erst einmal am Laufen halten. Statt klarer Ansagen gab es realitätsfremde Durchhalteparolen. Olympia abzusagen, sei „unfair“ gegenüber den Athleten, sagte er. Den Sportlern rief er zu, weiter zu trainieren. So, als ob sich das Virus in Luft auflösen würde. Derweil wurden die Athleten unsicherer.

Sicherlich lassen sich all diese Probleme lösen. Dazu braucht es nicht nur eine verantwortungsvolle Führung. Es bedarf der stärkeren finanziellen Unterstützung der Spitzenathleten durch die nationalen Verbände und es braucht eine Solidarisierung der Sportler untereinander. Sei es, indem sich die Athleten im Training unterstützen. Sei es, indem sie sich gemeinsam für ihre sportpolitischen Interessen einsetzen. Das Miteinander statt Gegeneinander hätte den positiven Nebeneffekt, dass die Olympische Idee 2020 doch noch zelebriert werden kann – wenn auch ohne Laufschuhe, Gewichte und Paddel.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 25.03.2020 07:45
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