Coronavirus Baden-Württemberg

Teststelle statt Teneriffa

Viele Medizinstudenten bieten den Kliniken im Südwesten ihre Hilfe in der Krise an. Studenten aus Tübingen berichten von ihrer Arbeit an der Corona-Front.
  • Medizinstudent Jan-Niklas Doll mit Schutzanzug vor der Fieberambulanz in Tübingen. Foto: Privat
  • Jan-Niklas Doll (25) studiert Medizin an der Universität Tübingen. Foto: Privat
  • Leonie Köhler (23) kommt ins zehnte Semester ihres Medizinstudiums. Foto: Privat
Eigentlich wären Jan-Niklas Doll (25) und Leonie Köhler (23) gerade ganz entspannt aus dem Urlaub auf Teneriffa zurückgekehrt und hätten noch ein paar Wochen Semesterferien vor sich gehabt, bevor sie dann ins zehnte und letztes Semester als Medizinstudenten an der Uni Tübingen gestartet wären. Wäre da nicht die Coronakrise. Der Urlaub wurde bereits einige Tage vor dem geplanten Abflug storniert, in Spanien ohnehin eine massive Ausgangssperre verhängt. Statt Badehose und Bikini tragen die beiden Studenten seit Montag daher drei Mal pro Woche Infektionsschutzanzüge, Atemschutzmasken und Schutzbrillen und kümmern sich um Patienten mit Fieber und Atembeschwerden, die eventuell an Covid-19 erkrankt sind.

Die beiden Studenten arbeiten in der Fieberambulanz, die das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und der Landkreis auf dem Festplatz in Tübingen aufgebaut haben. In Containern werden dort Patienten untersucht, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden und nun Symptome haben oder Patienten, die Symptome haben und nicht getestet wurden. „Es geht darum, die niedergelassenen Ärzte zu entlasten“, erklärt Lisa Federle. Die Ärztin ist Präsidentin des DRK Kreisverbands in Tübingen und Initiatorin der Ambulanz. „Viele Hausärzte haben keine Schutzkleidung mehr oder können die Corona-Patienten nicht ausreichend von ihren anderen Patienten trennen“, sagt Federle. Daher könnten viele Patienten mit entsprechenden Symptomen nicht mehr zu ihrem Hausarzt.

In der Fieberambulanz können sich diese Patienten testen lassen und werden von einem Arzt untersucht, der entscheidet, ob die Patienten ins Krankenhaus müssen oder zuhause bleiben können. Jan-Niklas und Leonie unterstützen die Ärzte bei ihrer Arbeit. Sie machen Voruntersuchungen, klären Vorerkrankungen, erfassen Symptome und messen Temperatur, Puls, Blutdruck und Sauerstoffsättigung im Blut, erklärt Köhler. Außerdem helfen sie bei den Covid-19-Tests und nehmen Abstriche von Patienten.

Durch einen Aufruf des Gesundheitsamts sind sie auf die Fieberambulanz aufmerksam geworden. „Alle Praktika und Famulaturen wurden abgesagt, wir wissen nicht, wann das Semester startet“, sagt Jan-Niklas. „Hier können wir unseren Beitrag leisten, und es ist eine gute Gelegenheit, das Gelernte anzuwenden“, meint Leonie. Sorge, sich selbst zu infizieren, haben sie keine. „Bisher gibt es noch genug Schutzausrüstung, man fühlt sich sicher“, sagt Jan-Niklas.

Laut Lisa Federle melden sich immer mehr Patienten in der Ambulanz. Aktuell werden zwischen 50 und 60 am Tag behandelt. „Wir spüren auch, dass die Zahl der schweren Fälle zunimmt“, sagt Federle. Manchmal müssten Patienten auch direkt vom Notarzt ins Uni-Klinikum gebracht werden.

Auch dort sind inzwischen viele Studenten im Einsatz und helfen in der Notaufnahme, auf den Stationen oder bei der Logistik. Nach Angaben des Uniklinikums haben mehr als 1100 Studenten ihre Hilfe angeboten, mit 131 sei bereits ein Vertrag geschlossen worden, viele sind bereits im Einsatz in der Klinik. Man sei „überwältigt“ von der großen Hilfsbereitschaft, sagt Professor Diethelm Wallwiener, Prodekan der Medizinischen Fakultät. Gerade Studenten mit medizinischen Vorkenntnissen seien wichtig. „Das ist in der jetzigen Situation Gold wert“, sagt er. Auch an den anderen Unikliniken im Land gibt es viel Hilfe von Studenten. In Ulm sind inzwischen 160 Studenten im Einsatz, in Freiburg 300, in Heidelberg 176. An allen Kliniken gibt es noch weit mehr Studenten, die ihre Hilfe angeboten haben, teils auch Nicht-Mediziner.

Auch Jan-Niklas und Leonie erhalten für ihre Arbeit viel Rückmeldung von den Patienten. „Wir erleben viele Menschen, die sehr dankbar sind, weil sie nicht wussten, wo sie Hilfe bekommen“, berichtet Jan-Niklas.

Lisa Federle hat mit der Ambulanz alle Hände voll zu tun – obwohl sie selbst dort als Ärztin gar nicht mithilft. „Die Organisation nimmt bestimmt 50 Prozent meines Tages ein“, sagt sie. Vor allem die Beschaffung von Schutzausrüstung sei ein ständiger Kampf, der Vorrat reiche noch zwei Wochen. 15 bis 18 Stunden arbeite sie gerade täglich. Wie lange lässt sich das durchhalten? „Fragen Sie mich in zwei bis vier Monaten nochmal“, sagt Federle und lacht.
© Südwest Presse 28.03.2020 07:45
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