Corona wird nachwirken

Die Folgen des Virus werden über die der Finanzkrise hinausgehen, sagt der scheidende Vorstandschef Michael Kaschke.
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Michael Kaschke wandelt zwischen den Welten: zwischen Ost und West, zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Der promovierte Physiker ist einer der erfolgreichsten Manager mit ostdeutschen Wurzeln – und hat in den vergangenen Jahren als Vorstandsvorsitzender der Carl Zeiss AG eines der Aushängeschilder der deutschen High-Tech-Industrie geprägt. Mit deren Technologien wird ein Großteil der Mikrochips weltweit gefertigt, die unter anderem in Smartphones zum Einsatz kommen. Ein Gespräch über die Krise, die Macht einfacher Modelle und neue Freiheiten

Sie haben Carl Zeiss in den vergangenen Jahren von Rekord zu Rekord geführt. Jetzt endet ihre Amtszeit inmitten eines Wirtschaftsbebens. Wie fühlt sich das an?

Michael Kaschke: Natürlich hätte ich mir etwas anderes gewünscht. Die Situation hat sich seit dem Jahresbeginn dramatisch verändert. In China ist zwar unser Geschäft langsam wieder am Hochfahren, aber dafür sind wir nun aufgrund der Ausbreitung der Pandemie in Europa und den USA in einigen unserer Bereiche doch stark von Nachfragerückgängen oder Unterbrechungen der Lieferketten betroffen.

Wie stark treffen die Folgen des Corona-Virus Zeiss?

Das lässt sich noch nicht sagen. Die Weltwirtschaft entwickelt sich derzeit unglaublich dynamisch in die falsche Richtung. In einigen Branchen kann der Coronavirus damit auch tiefer liegende strukturelle Ursachen zutage fördern und eine längerfristige Krise auslösen. Für die vier Sparten bei Zeiss sehe ich das derzeit nicht. Das heißt aber nicht, dass wir bei längerem Anhalten der Krise nicht auch Anpassungs- und Handlungsbedarf haben. Wir sind darauf auf Basis einer vor über zwölf Monaten gestarteten Resilienzplanung gut vorbereitet.

Aber . . .

Schon heute steht fest: Die dynamische Entwicklung durch die Corona-Pandemie hat eine solche Wucht und umfassende Wirkung auf Gesellschaft und Wirtschaft, die meines Erachtens über die Finanzkrise 2009 hinausgehen und nachwirkende Effekte haben wird.

Wie geht es bei Ihnen persönlich weiter? Sie werden Aufsichtsratschef des Karlsruher Instituts für Technologie?

Ja, darauf freue ich mich. Die Verbindung zur Wissenschaft habe ich nie ganz aufgegeben. Seit über zehn Jahren halte ich regelmäßig Vorlesungen am KIT. Dort habe ich auch die Professur an der Fakultät für Elektrotechnik. Ich war sechs Jahre im Wissenschaftsrat der Bundesregierung, war im Hochschulrat in Jena und auch in Aalen, dort als Vorsitzender, und hatte immer dabei das Ziel, Wissenschaft und Wirtschaft noch besser zusammenzubringen. Da könnte manches in Deutschland noch besser laufen.

Und was genau?

Aus meinen Erfahrungen heraus brauchen wir in Deutschland mehr Durchlässigkeit zwischen den Welten Wissenschaft und Wirtschaft. In anderen Ländern ist es durchaus gang und gäbe, dass ein Universitätsprofessor ein Unternehmen führt. Umgekehrt bekommt jemand, der gut und erfolgreich in der Wirtschaft ist, eine Professur. Auch benötigen wir in Deutschland dringend eine stärkere Gründerkultur und müssen Gründer wirklich fördern.

Sie werden künftig mehr Zeit für ihre Leidenschaft, die Astronomie, und andere Dinge haben.

Das ist im Moment noch nicht so wichtig. So viel lässt sich aber sagen: Mit der neuen Freiheit über meinen Kalender wird es mir nicht langweilig werden.

Wie läuft das ab, wenn Sie die Sterne beobachtet?

Ich packe mein Teleskop ins Auto, suche mir einen guten Platz mit dunklem Himmel, baue es auf, justiere es. Das dauert so 30 bis 45 Minuten. Meistens mache ich mir einen Beobachtungsplan, was in der Nacht Besonderes zu beobachten ist. Damit verbringe ich schon mal zwei bis drei Stunden, dann wird es meistens kalt.

Wie viel Physiker steckt im Manager Kaschke?

Ich denke, ich habe es einigermaßen ausbalanciert. Die meisten Mitarbeiter werden wohl sagen: zu viel Physiker. Mir hat die Physik eine Denkweise beigebracht. Eine Art, zu analysieren, zu strukturieren, Modelle zu bilden. Das hat mir im Management sehr geholfen. Und bei einem so stark naturwissenschaftlich-technisch geprägten Unternehmen wie Zeiss schadet es nicht, wenn man als Manager oder Vorstandsvorsitzender die Dinge von der fachlichen Seite versteht.

Muss man Physiker sein, um bei Zeiss erfolgreich zu sein.

Ich würde es nicht darauf reduzieren. Es gibt auch genügend andere Beispiele. Für mich ist es wichtig, Emotionalität, Konsistenz und Dialogbereitschaft, auf die es zum Beispiel in der Markenführung oder Mitarbeiterführung ankommt, mit guter Analytik zu verbinden.

Was hilft Ihnen dabei?

Ich suche einfache Modelle und Bilder, auf die man die komplexe Wirklichkeit reduzieren kann. Manche nennen das Framing. Mir kommt es darauf an, den Leuten einen verständlichen Rahmen zu vermitteln: Das ist das Ziel, daran arbeiten wir, das bauen wir.

Sie beschreiben Zeiss mitunter als Viertaktmotor, ist das so ein Bild?

Ja, es war wichtig, das Portfolio des Unternehmens so zu strukturieren, dass der Motor im Takt läuft. Mit den vier etwa gleichstarken Sparten mit eigenverantwortlich agierenden Spartenvorständen für Halbleitertechnik, Messtechnik-Systeme und Mikroskope, Medizintechnik und unserem Konsumentengeschäft mit Brillengläsern und Fotoobjektiven hat Zeiss eine stabilere Struktur als früher.

Warum investieren Sie in Jena 350 Millionen Euro in einen High-Tech-Campus?

Wir sind in Jena, dem Gründungsstandort des Unternehmens, derzeit an drei Standorten verteilt, zum Teil auch an der räumlichen Kapazitätsgrenze. Zudem wollen wir uns dort so aufstellen, dass Netzwerkeffekte besser gehoben werden können.

Was meinen Sie damit?

Jena ist ein Universitäts-Standort mit hervorragender Wissenschaftslandschaft im Umfeld. Es gibt viele wissenschaftliche Institute, Start-ups und auch Technologieunternehmen. Die wissenschaftliche Dichte pro Quadratmeter ist enorm. Wir wollen diese Aktivitäten über unseren High-Tech-Campus besser mit Zeiss vernetzen.

Was heißt das konkret?

Wir haben mit Oberkochen beziehungsweise Ostwürttemberg mit mehr als 8000 Mitarbeitern und Jena mit bald 2500 Mitarbeitern zwei große Standorte in Deutschland. In Oberkochen haben wir unglaublich viel in die Infrastruktur investiert und werden dies auch weiterhin tun. In Jena war es an der Zeit. Auch weil wir uns generell als Unternehmen dort besser präsentieren wollen, wo guter wissenschaftlicher, technischer und betriebswirtschaftlicher Nachwuchs heranwächst.

Sie haben zum Abschied viele Interviews geführt. Welche Frage hätten Sie gerne gestellt bekommen?

Die Frage ist ja, mit welchem Gefühl geht man. Lassen wir mal die unfassbare Sondersituation der Covid-19-Pandemie für einen Moment weg. Ich gehe mit einem Gefühl der Dankbarkeit. Zeiss ist ein besonderes Unternehmen und ich habe es als Privileg empfunden, vieles mit gestalten zu dürfen. Ich übergebe das Unternehmen an meinen Nachfolger in einer soliden und auch für diese unvorhersehbare Situation gerüsteten Verfassung – und ich weiß die Führung des Unternehmens bei Karl Lamprecht und dem Vorstandsteam in guten Händen. Sie werden diese Sondersituation mit dem ganzen Zeiss-Team bestmöglich meistern.
© Südwest Presse 28.03.2020 07:45
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