Wann geht's wieder aufwärts?

Die Wirtschaftsweisen rechnen für 2020 mit einem Konjunktureinbruch von 2,8 bis 5,4 Prozent. Sie loben das Hilfspaket der Bundesregierung.
  • Lars Feld, der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweise“) Foto: Patrick Seeger/dpa
Angesichts der Rezession, die von der Corona-Pandemie in Deutschland ausgelöst wurde, hat die Bundesregierung die richtigen kurzfristigen Maßnahmen ergriffen, um die Beschäftigten und die Unternehmen vor den Auswirkungen zu schützen, loben die Wirtschaftsweisen. Für wichtig halten sie, schon bald ein Ausstiegsszenario aus den harten Einschränkungen festzulegen, um die wirtschaftliche Situation zu stabilisieren. Die Bundesregierung sollte sich jetzt schon überlegen, wie sie die Konjunktur nach einer Eindämmung der Pandemie wieder ankurbeln will.

„Wir gehen davon aus, dass die Pandemie die Weltwirtschaft stark beeinträchtigen wird“, sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrats, Lars P. Feld von der Uni Freiburg, am Montag bei der Vorstellung eines Sondergutachtens für die Bundesregierung. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte in diesem Jahr um mindestens 2,8 Prozent einbrechen, erwarten die Wissenschaftler.

Für richtig halten sie den derzeitigen „Shutdown“, also die massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der Unternehmen. Entscheidend ist, wie lange sie anhalten, wie stark die Maßnahmen ausfallen und wie schnell es danach zu einer Erholung kommt. Die wirtschaftlichen Folgen haben sie für drei Szenarien errechnet.

Klar ist in jedem Fall, dass eine Rezession in Deutschland im ersten Halbjahr 2020 nicht zu vermeiden ist: Die Wirtschaft schrumpft deutlich. Für den wahrscheinlichsten Fall halten die Wirtschaftsweisen, dass sich die Lage über den Sommer wieder normalisiert. Dauert der Shutdown fünf Wochen und erholt sich die Wirtschaft danach binnen drei Wochen, dann bricht das BIP im gesamten Jahr 2020 um 2,8 Prozent ein. 2021 wächst es aber mit 3,7 Prozent wieder kräftig.

Der Einbruch könnte aber auch deutlich stärker ausfallen: Stehen das Leben und die Wirtschaft für sieben Wochen still und brauchen sie danach fünf Wochen, um sich wieder zu erholen, sinkt das BIP in diesem Jahr um 5,4 Prozent und damit ähnlich stark wie in der Finanzkrise 2009. Im nächsten Jahr könnte es dann um 4,9 Prozent nach oben gehen.

Das dritte Szenario geht von einer längeren Stagnation auf niedrigem Niveau aus: Die Einschränkungen halten über den Sommer hinaus an, die Wirtschaft erholt sich erst 2021, und das sehr langsam. Dann könnte es in diesem Jahr um 4,5 Prozent abwärts gehen und im nächsten nur um 1 Prozent aufwärts.

„Man kann auch noch schlimmere Szenarien bauen“, meinte der Wirtschaftsweise Volker Wieland angesichts von Rechnungen des Münchner Ifo-Instituts, wonach die Wirtschaft um bis zu 20 Prozent schrumpfen könnte. Das halten er und seine Kollegen aber nicht für wahrscheinlich. So zeichne sich in China und ganz Asien eine Erholung ab.

Lob von den Wissenschaftlern erfährt das Maßnahmenpaket der Bundesregierung: Es komme zur rechten Zeit. Der Wirtschaftseinbruch könne damit schnell und effektiv eingedämmt werden. Zudem würden die Einkommen stabilisiert. Dazu dienten das Kurzarbeitergeld, direkte Zuschüsse für besonders stark betroffene Haushalte und Selbstständige sowie Steuerstundungen.

Derzeit gehört dem Sachverständigenrat neben Feld und Wieland nur Achim Truger an. Zwei Plätze sind unbesetzt, weil sich die große Koalition noch nicht auf zwei neue Ratsmitglieder verständigen konnte. In einem Punkt ist sich das jetzige Trio nicht einig: Truger, der auf Vorschlag der Gewerkschaften im Rat sitzt, plädiert für Coronabonds, also Anleihen auf EU-Ebene für Finanzhilfen, für die alle Mitgliedsstaaten haften. Fels und Wieland halten es für ausreichend, wenn der europäische ESM-Fonds Darlehen gibt.
© Südwest Presse 31.03.2020 07:45
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