Oben mit? Oder doch besser ohne?

In der Diskussion um den Sinn von Gesichtsmasken wandelt sich das Meinungsbild. Städte preschen voran, der Bund bleibt zurückhaltend.
  • Die Bronzeplastik Erich Kästners in Dresden trägt eine handgemachte Schutzmaske. Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa
Nun also doch Masken. Wochenlang war von Experten gepredigt worden, dass das Tragen von Atemmasken bei Gesunden keinen Sinn mache und medizinischem Personal vorbehalten bleiben solle – und nun schreibt die thüringische Stadt Jena die Benutzung im öffentlichen Nahverkehr, in Läden und in Gebäuden mit Publikumsverkehr vor – nachdem Tschechien und Österreich das vorgemacht haben. Auch das hessische Hanau rief seine Bürger zur Verwendung einfacher Masken auf.

Man darf gespannt sein, wann weitere Städte oder gar ganze Bundesländer auf den Zug aufspringen. In Berlin wird in den örtlichen Parteien darüber nachgedacht. Im Bund ist man noch zurückhaltend. Für Regierungssprecher Steffen Seibert sollte das Tragen eine freiwillige Entscheidung jedes Einzelnen sein. Es könne „vielleicht eine sinnvolle Ergänzung zu den ohnehin geltenden Hygieneregeln“ darstellen. Dies dürfe aber nicht dazu führen, „dass sich ein falsches Sicherheitsgefühl einstellt“.

Die WHO warnt vor Risiken

Auch die Meinung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich nicht geändert. Es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass mit dem Tragen von Mund-Nase-Schutz etwas gewonnen wäre, betont der WHO-Nothilfedirektor Michael Ryan. Die WHO warnt sogar vor Risiken, wenn Menschen die Masken falsch abnähmen und sich dabei infizierten. In Deutschland dagegen scheint sich der Wind zu drehen. Für den Virologen Christian Drosten ist eine Maske eine „höfliche Geste“, denn „ich schütze den anderen gegen meine möglicherweise ja noch gar nicht ausgebrochene Infektion“. Auch Lothar Wieler, der Chef des Robert-Koch-Instituts, hält den Mund-Nase-Schutz für empfehlenswert, „wenn man selbst infiziert ist“. Eine Atemmaske kann ja verhindern, dass ein Infizierter Gesunde ansteckt. Sich selbst wirklich gegen das Virus schützen kann man nur mit Masken mit eingebautem Filter, unter den Kürzeln FFP2 und FFP3 bekannt. Die aber werden von medizinischem Personal und Pflegekräften dringend benötigt und sind kaum zu bekommen. Und wenn, dann zu einem um 3000 Prozent höheren Preis als noch vor sechs Wochen.

CSU-Ministerpräsident Markus Söder, SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach und FDP-Fraktionsvize Michael Theurer sind im Ruf nach mehr Staat vereint. Söder fordert eine „nationale Notfallproduktion“ von Schutzmasken, Lauterbach die Schaffung einer Bundesagentur, die Firmen in Deutschland mit der Produktion beauftragt. Auch Theurer mahnt, die Bundesregierung müsse Führung zeigen und die Notfallproduktion von Schutzmasken organisieren. „In dieser historischen Krise muss die Wirtschaft noch viel stärker bei der Produktion der in Deutschland fehlenden zirka eine Milliarde Schutzmasken einspringen.“ Mit der Kleinstaaterei, wo jede Klinik, jedes Heim selbst auf dem Weltmarkt nach Schutzmaterial Ausschau hält und Vorratshaltung als reines Kostenproblem angesehen wird, soll es nach dem Willen der Politik nun vorbei sein.

Zunächst einmal kauft die Bundesregierung gerade Material, wo immer sie es bekommt, beliefert damit die Bundesländer und Kassenärztlichen Vereinigungen, die die Verteilung übernehmen. Zudem wurden gerade drei Milliarden Euro zusätzlich für Schutzkleidung und ähnliches bereitgestellt. Das Gesundheitsministerium hat ein Verfahren gestartet, bei dem der Staat zentral und zu festen Preisen, also ohne Preisverhandlung, einkaufen soll – sofern ein Hersteller ab 25 000 Masken oder Kittel liefern könne.

Die Virologen empfehlen zudem den Bürgern, sich ihren Mund-Nase-Schutz selbst zu nähen. Wobei die Stärke des Schutzes, wie RKI-Präsident Lothar Wieler betont, zwar „vom Material abhängt“. Doch auch ein selbstgebauter Schutz halte Tröpfchen zurück, wenn man huste und niese. „Deswegen ist er für den Schutz von anderen von Relevanz.“ Christian Drosten unterstützt nach eigenem Bekunden das Schneidern von Masken sowieso „total“.

Gelingt es in einiger Zeit tatsächlich, die immense Nachfrage zunächst einmal in Kliniken, Praxen und Pflegeeinrichtungen zu stillen und sogar erste Reserven aufzubauen, dürfte es wohl so kommen, wie es die grüne Fraktionsvize Katrin Göring-Eckardt vorzeichnet: „Wenn die Kontaktbeschränkungen gelockert werden und wir wieder häufiger unsere Wohnungen verlassen, müssen genügend Atemschutzmasken für alle verfügbar sein, damit das Tragen für die Pandemiezeit eine Selbstverständlichkeit wird.“ Dann können die Bürger irgendwann nach Ostern zwar wieder etwas mehr am öffentlichen Leben teilnehmen, müssen dafür aber Mund und Nase mit einer Maske bedecken.
© Südwest Presse 01.04.2020 07:45
330 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy