Hilferufe aus dem Mittelstand

Textilhersteller aber auch der Einzelhandel fordern schnelle Nachbesserungen an den verabschiedeten Staatshilfen. Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern fallen durchs Raster.
  • Textilbetriebe im Land bekommen die Auswirkungen der Corona-Krise direkt zu spüren. Foto: dpa
Egal, ob Tischwäsche, Frühlingskleider oder Turnschuhe. Der Einzelhandel leidet ebenso wie die Textilhersteller unter den staatlich verordneten Ladenschließungen. Die 83 Mitarbeiter von Hans Werner Groß, Geschäftsführer des Unternehmens Wäschekrone in Laichingen (Alb-Donau-Kreis), haben derzeit kaum etwas zu tun. Binnen zwei Wochen ist aufgrund der Corona-Krise der Auftragseingang des Unternehmens, das Hotels und Lokale mit Textilprodukten ausstattet, um mehr als 80 Prozent eingebrochen. „Wenn das so weitergeht, bekommen wir innerhalb weniger Wochen ein Liquiditätsproblem“, sagt Groß – trotz bereits angemeldeter Kurzarbeit. Für sein Unternehmen komme die Krise „völlig zur Unzeit“. Das Unternehmen habe in den vergangenen Jahren kräftig investiert und daher jetzt keine riesigen Liquiditätspuffer.

Wie der Wäschekrone geht es vielen Firmen aus der Textilbranche. „Man kann nicht alle über einen Kamm scheren“, sagt Peter Haas, Hauptgeschäftsführer des Verbands Südwesttextil. Ein paar der 200 Mitglieder hätten derzeit gut zu tun. „Das sind diejenigen, die traditionell Schutzkleidung herstellen.“ Andere stellten ihre Produktion im Auftrag des Landes auf die Produktion von Schutzmasken um.

„Eine ganze Reihe aber plant Kurzarbeit oder hat die entsprechenden Anträge bereits eingereicht“, berichtet Haas. Einer Umfrage unter den Verbandsmitgliedern zufolge ziehen 80 Prozent eine solche Maßnahme in Betracht. Knapp die Hälfte erwarte finanzielle Schwierigkeiten. „Das zeigt, dass die von Staatsseite aufgezwungen Vollbremsung den Betrieben Mühe macht.“ Die Schließung von Hotels oder etwa Modegeschäften könne er verstehen, die Auswirkungen seien jedoch enorm.

Auch der Handelsverband Deutschland (HDE) schlägt Alarm. Besonders die oft hohen Mieten in den Innenstädten seien belastend. Im Nicht-Lebensmittelhandel entfalle durch die Corona-Krise in den Geschäften täglich ein Umsatz von rund 1,15 Mrd. EUR. Gleichzeitig müssten Mieten von rund 4,4 Mrd. EUR pro Monat bezahlt werden. Der HDE fordert von der Bundesregierung schnelle und unbürokratische Hilfen. In Briefen an die Bundesregierung warnte HDE-Präsident Josef Sanktjohanser, die mittelständischen Händler fielen bisher bei den Hilfsprogrammen durch das Raster. Das könne zu einem massiven Verlust von Arbeitsplätzen im Handel führen und die Attraktivität vieler Innenstädte gefährden.

Sorge hat auch Haas mit Blick auf die bislang beschlossenen Maßnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft. „Die Schutzschirme hören bei Zuschüssen für Unternehmen mit 50 Mitarbeitern auf. Die Programme fliegen damit am typischen Mittelstand vorbei.“ Die Kredit-Programme über die staatliche KfW-Bank kommen ihm zufolge nicht schnell genug bei den Betrieben an. Zudem seien nicht alle Hausbanken im Stande, die Kredite zu gewähren, oder sie wollten das bei ihnen verbleibende Risiko von bis zu 20 Prozent nicht tragen.

Die Bundesregierung reagiert auf die immer lauter werdende Kritik. Wie am Dienstag bekannt wurde, arbeitet die Regierung an Nachbesserungen für mittelständische Unternehmen, um eine Pleitewelle zu verhindern. Wie aus Regierungskreisen zu erfahren war, sei geplant, Kredite für mittelständische Firmen mit einer 100-prozentigen Staatshaftung abzusichern. Die EU-Kommission müsse diesem Modell allerdings zustimmen, dazu liefen Gespräche.

Andere Situation als 2018

Die EU-weiten Richtlinien seien eine Folge der Lehman-Krise 2008, aber die Situation sei nun eine völlig andere, sagt Haas. Das unterstreicht auch Hans Werner Groß. „Damals entwickelte sich die Krise viel langsamer, über Wochen und Monate.“ Zum zeitlichen Aspekt komme aus die gesundheitliche Komponente hinzu. „Damals konnten unsere Außendienstmitarbeiter vor Ort im persönlichen Gespräch für unsere Kunden da sein. Das ist heute nicht möglich.“ Deshalb sei es so wichtig, dass Politik und Banken schnell reagieren. „Bis der KfW-Kredit fließt kann es bis Mitte, Ende Mai dauern.“ Der Auftragsbestand reiche jedoch nur drei bis vier Wochen. (mit dpa)
© Südwest Presse 01.04.2020 07:45
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