Saitenvirtuose mit enormer Schaffenskraft

Ravi Shankars Musik verbindet Ost und West. Vor hundert Jahren wurde das Multitalent geboren.
  • Auftritte bis ins hohe Alter: Ravi Shankar. Foto: Jagadeesh Nv/dpa
Er war ein wahrer Wanderer zwischen den Welten: Berührungsängste vor der westlichen Kultur hatte Ravi Shankar nie. Sein Sitar-Spiel überwand sämtliche Grenzen zwischen indischer und europäischer klassischer Musik, scheute auch die Zusammenarbeit mit Popgrößen wie den Beatles nicht und ließ Hippie-Herzen höher schlagen. Am 7. April wäre der Saitenvirtuose 100 Jahre alt geworden.

Geboren wurde Shankar 1920 im nordindischen Varanasi, auch Benares genannt, knapp 800 Kilometer östlich von Neu Delhi. Bereits in Jugendjahren bereiste er mit der Tanzgruppe seines Bruders Europa und Indien. 1938 wandte er sich vom Tanzen ab und der Sitar zu. Er studierte das Instrument, das ähnlich wie eine Gitarre gezupft wird und bis zu 20 Saiten hat, mehrere Jahre. Von 1949 bis 1956 war Shankar Musikdirektor vom All India Radio (AIR) Neu Delhi und unternahm Konzerttourneen nach Europa und Amerika. 1952 lernte er den Violinisten Yehudi Menuhin kennen, der ihn 1955 zu einem Auftritt nach New York einlud, was Shankar aus persönlichen Gründen absagte. Aber der Kontakt blieb bestehen.

Shankar veröffentlichte 1956 seine erste LP in London, schrieb Konzerte für Sitar und Orchester und tourte weltweit. Auch George Harrison von den Beatles lernte Shankars Musik kennen und benutzte später eine Sitar bei der Aufnahme des Songs „Norwegian Wood (This Bird Has Flown)“. So nahm der indische Einfluss auf die Pop-Musik seinen Lauf. Jazz-Saxofonist John Coltrane benannte 1965 seinen Sohn nach Shankar, der 1967 beim Monterey Pop Festival auftrat und einen Grammy mit Menuhin für ihr Gemeinschaftswerk „West Meets East“ gewann. Im August 1969 spielte er beim legendären Woodstock Festival – und wurde für die Hippies zur Ikone.

Doch Shankar war auch sozial engagiert. Mit George Harrison organisierte er am 1. August 1971 im New Yorker Madison Square Garden das „Konzert für Bangladesch“. Der Erlös kam Flüchtlingen des Krieges zwischen Pakistan und Bangladesch zugute.

1974 nahmen Shankar und Harrison „Shankar Family and Friends“ auf und tourten durch Nordamerika. Ein Herzanfall in Chicago zwang den indischen Musiker, einen Teil der Konzertreise abzusagen.

Vegetarier und Abgeordneter

In den 1980er und 1990er Jahren führte Shankar seine Arbeit mit klassischen Musikern der westlichen Welt fort. So veröffentlichte er 1981 sein zweites Instrumentalkonzert „Raga Mala“ mit Zubin Mehta als Dirigenten und 1990 das Album „Passages“ mit dem Komponisten Philip Glass. Parallel zu seinem Musikerdasein saß der überzeugte Vegetarier von 1986 bis 1992 als Mitglied im Oberhaus des indischen Parlaments, der Rajya Sabha.

Das Spektrum seines Schaffens war immens. Die 1996 erschienene Veröffentlichung „In Celebration“ gibt einen Überblick über die gesamte Bandbreite. Nach der Jahrtausendwende trat Shankar, inzwischen hochbetagt, oft gemeinsam mit seiner Tochter Anoushka auf. Während sie es ihm als Sitar-Spielerin gleichtat, wurde eine andere Tochter, Norah Jones, zum Pop-Star.

Am 11. Dezember 2012 starb Shankar im südkalifornischen San Diego. kna
© Südwest Presse 07.04.2020 07:45
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