Coronavirus Essay

Geld oder Leben ?

Solidarität ist die zentrale Ressource in der Corona-Krise. Aber sie muss nicht nur den alten und kranken Menschen gelten, sondern auch bedrohten Betrieben und Hunderttausenden, die vor dem Jobverlust stehen.
  • leitet das Politikressort dieser Zeitung. Seit seinem Soziologiestudium fasziniert ihn die Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält. Roland Müller Foto: Marc Hörger
  • Leben vor der Krise: Einkaufsbummel auf der Königstraße in Stuttgart. Foto:©MDOGAN/Shutterstock.com Foto: ©MDOGAN/Shutterstock.com
  • Leben mit der Krise: Ärzte kümmern sich um einen Covid-19-Patienten. Foto: Filippo Venezia/Shutterstock
Es gibt in vielen Köpfen ein Zerrbild unserer Welt, in dem die kapitalistische Dystopie bereits Realität ist. Es ist eine Welt, in der Profit regiert und der Mensch nichts zählt, in der globale Eliten, gesichtslose Konzerne und Hedgefonds den Kurs bestimmen, während die Politik nur als Erfüllungsgehilfin, der Bürger nur als Konsument und Arbeitsbiene gebraucht wird. Die Erfahrung der Finanzkrise hat diesem Denken viel Nahrung gegeben, im politisch linken Spektrum ebenso wie am rechten Rand. Das Gefühl, Spielball globaler Finanzströme und „systemrelevanter“ Banken zu sein, hat Spuren hinterlassen.

Und nun das: In der Corona-Krise stehen die Räder in den Fabriken still, sind die Konsumtempel geschlossen, werden an der Börse Milliardenwerte an Kapital vernichtet. Großkonzerne wanken, kleine Firmen bluten, ganze Volkswirtschaften sind ins künstliche Koma versetzt, um das Virus einzudämmen und Leben zu retten. Profite und Wirtschaftskraft werden geopfert, um die Schwachen zu schützen; Senioren und andere Bevölkerungsgruppen mit erhöhtem Risiko. Das Weltbild manches Zynikers könnte angesichts dieser Solidaritätsleistung ins Wanken geraten.

Die Corona-Krise und die Umwälzungen, die sie mit sich bringt, erschüttern viele scheinbare Gewissheiten. So lenkt das Virus auf existenzielle Weise den Blick darauf, was Solidarität bedeutet – und dass es eben doch noch ein gemeinsames Band in der Gesellschaft gibt, das die Schwächsten, die Eliten und das „Kapital“ verbindet. Wir erleben zudem einen Staat, der klare Prioritäten setzt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ So steht es im Grundgesetz. Krankenhäuser sehenden Auges in den Kollaps zu schicken; Ärzte zur Entscheidung zu zwingen, welcher um Luft ringende Patient behandelt wird, wer sterben muss – das darf verantwortliche Politik nicht zulassen. Nur deshalb sind die massiven Eingriffe in unsere Freiheiten zu rechtfertigen. Bei der Frage „Geld oder Leben?“ hat sich die Politik für das Leben entschieden, zumindest für den Augenblick. Diese Bestandsaufnahme ist wichtig, um klar zu machen, wo wir stehen – und wohin es von hier aus gehen kann.

Denn so alternativlos der Kurs im Moment der anrollenden Krise scheint: Für die Zukunft wird er viel schwieriger, wird es kein Schwarz oder Weiß mehr geben können. Mit dem beispiellosen Kraftakt, der das öffentliche und das Wirtschaftsleben auf Eis legt, lässt sich Zeit erkaufen – über viele Monate ist er nicht durchzuhalten. Schon jetzt sind die Einschnitte enorm, jede weitere Woche des Lockdowns nagt am ökonomischen Fundament des Landes. Wer die Bekämpfung des Virus mit Massenarbeitslosigkeit, Insolvenzen und Millionen zerstörter Existenzen bezahlt, erreicht einen Punkt, an dem dieser Preis zu hoch wird – und die langfristigen Schäden katastrophaler ausfallen können als die akuten Folgen der Pandemie. Gefährdet sind dann neben Gesundheit und Wohlstand auch die soziale und politische Stabilität.

„Schutz des Lebens gilt nicht absolut“

Politik und Gesellschaft stehen also, wenn nicht noch eine Wunder-Lösung aus dem Hut hüpft, vor einem Dilemma. Kann man bald die Einschränkungen schrittweise lockern, Wirtschafts- und öffentliches Leben wieder zulassen, auch wenn das neue Ansteckungen bedeutet und Leben gefährdet? Ist es unmoralisch oder gar ein Tabubruch, solche Dinge gegeneinander aufzuwiegen? Nein, ist es nicht. „Der gebotene Schutz menschlichen Lebens gilt nicht absolut“, schreibt der Deutsche Ethikrat in seinen Empfehlungen zur Corona-Krise. Ein Gut mag noch so hoch sein: Bedingungslos und um jeden Preis dürfen nicht alle anderen Güter und Rechte diesem einen Ziel untergeordnet werden. Mittelfristig kommt die Politik nicht umhin, Alternativen abzuwägen, Kompromisse zu finden. Um zu verstehen, was das bedeutet, ist es hilfreich, sich näher mit dem Begriff der Solidarität auseinanderzusetzen.

In der soziologischen Theorie entsteht Solidarität in primitiven Gesellschaften aufgrund von Gleichheit: Man ist Teil einer Sippe, geht gemeinsam zur Jagd, glaubt an dieselben Götter und wird damit zur Schicksalsgemeinschaft. In der Moderne ist das nicht so einfach. Hier entsteht Solidarität aus Ungleichheit – aus der Erkenntnis, dass die Mitglieder der Gesellschaft trotz aller Verschiedenheit aufeinander angewiesen sind.

Konkrete Praxis wird der Gedanke im Solidarsystem der Sozialversicherungen: Man zahlt ein, auch wenn man zunächst nichts davon hat – im Vertrauen darauf, dass umgekehrt im Ernstfall die Gemeinschaft auch für einen da ist. Trotz aller unseligen Ökonomisierung folgt auch das Gesundheitssystem noch dieser Logik: So landen in der Corona-Krise der Vorstandsboss und der Hartz-IV-Empfänger am Ende auf derselben Intensivstation. Solidarität ist dabei kein Almosen und keine Einbahnstraße, sondern ein gegenseitiges Versprechen. „Einer für alle, alle für einen“, das Motto der drei Musketiere. Das Ergebnis ist das, was man Gemeinwohl nennt.

Der Solidaritätsbegriff wirkt heute angestaubt, weil ein mächtiges Gegenmodell lange Zeit deutlich mehr Sex-Appeal ausstrahlte: Die Idee, dass die „unsichtbare Hand“ des freien Marktes, in dem sich die Akteure egoistisch verhalten, von selbst für Ausgleich sorge. Der neoliberale Zeitgeist, der auch den „schlanken Staat“ fordert, hat lange unser Denken und die Politik geformt – getragen von den Megatrends der Globalisierung und Individualisierung. Ellbogendenken und individuelle Abstiegsängste haben viel an Solidarität zersetzt. Der Schock der Finanzkrise war ein lauter Weckruf, der zeigte, dass die Summe egoistischen und individuell rationalen Handelns die Welt auch in den Abgrund reißen kann.

Wie schwer das Umdenken fällt, zeigt auch diese Krise. Auf das eigene Recht auf Party, Urlaub oder Kommerz verzichten, um ein Virus zu bekämpfen, das einen selbst gar nicht gefährdet? Warum ausgerechnet ich? Als Kliniken in Norditalien schon SOS funkten, ging in den Wintersportgebieten der Alpen die Party noch Wochen weiter, von dort wurde das Virus über halb Europa verbreitet. Welch katastrophale Auswüchse ein Mangel an Solidarität in einer Gesellschaft haben kann, erleben derzeit die USA, deren wahnhafte Fixierung auf die Eigenverantwortung des Einzelnen bis heute den Aufbau effektiver Gesundheitsfürsorge und Sozialsysteme verhindert. Die Verheerungen, die Corona gesundheitlich und sozial dort anrichten wird, mag man sich nicht ausmalen.

Es ist kein Zufall, dass die großen Krisen unserer Zeit stets auch Fragen der Solidarität sind: Sollen solide wirtschaftende Staaten in der EU mitbezahlen, um „Pleite-Griechen“ in der Finanzkrise zu retten? Sollen wir in der Klimakrise auf CO2-Ausstoß und Wachstum verzichten, damit Südsee-Inseln nicht von steigenden Meeresspiegeln weggespült werden? Wie viele Flüchtlinge, die vor Krieg und Elend fliehen, sind wir bereit, bei uns aufzunehmen? Gerade letzteres Beispiel hat gezeigt, dass Solidarität auch endlich ist und die Debatten darum eine Gesellschaft zerreißen können. Denn zur Solidarität gehören immer auch die Fragen: Mit wem? Um welchen Preis? Und: Mit wem nicht? Schon bald wird sich die Frage stellen, ob es uns wirklich egal sein kann, wenn das Coronavirus in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln wütet, wo zigtausende Menschen ohnehin in skandalösem Elend leben.

Solidarität ist die zentrale Ressource in der Corona-Krise. Der Staat kann sie ein Stück weit anordnen, doch die Akzeptanz der Bevölkerung ist unabdingbar, wenn es nicht zu massiven Konflikten kommen soll. Und sie gilt eben nicht nur den Risikogruppen und Älteren, die das Virus besonders bedroht, sondern auch Betrieben und Gewerbetreibenden, die vor den Nichts stehen, den Angestellten, denen der Jobverlust droht. Ihr Prinzip ist Ausgleich, nicht Aufopferung.

Ein Entweder-Oder kann es deshalb bei dem, was auf dem Spiel steht, nicht geben. Weder kann man zynisch dem „sozialverträglichen Frühableben“ der Alten das Wort reden, wie es einige Konservative in den USA gerade ernsthaft tun, noch ist es eine Option, die Wirtschaft vor die Wand zu fahren. Welche Grausamkeit wir für gerade noch akzeptabel halten, welchen Weg wir durch die Krise nehmen wollen, muss an jeder Abzweigung neu diskutiert werden – in dem Wissen, dass falsche Entscheidungen katastrophale Folgen haben können, bis hin zur Gefährdung der Demokratie selbst.

Sprich: Die Politik muss Entscheidungen so treffen und abwägen, dass nach der Krise noch eine Gesellschaft übrig ist. Die gute Nachricht ist, dass kaum ein Land auf der Welt so gute Voraussetzungen wie Deutschland hat, diese Herausforderung zu meistern.
© Südwest Presse 08.04.2020 07:45
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