Corona-Krise

Nur Mensch sein

Albert Camus' Roman „Die Pest“ liest sich in der Corona-Krise erschreckend aktuell – weil er an das solidarische Handeln appelliert.
  • Journalist, Schriftsteller und Philosoph: Albert Camus veröffentlichte 1947 seinen Roman „Die Pest“.Foto: stf/afp Foto: stf/afp
  • : Die Pest. Übersetzt von Uli Aumüller. Rowohlt Taschenbuch, 352 Seiten, 12 Euro. Foto: Rowohlt Verlag
Es ist ein archaisches Sterben, das nicht in die moderne Welt passt. Die Menschen: sorglos, dann in panischer Angst oder fataler Gleichgültigkeit. Es ist eine Seuche, auf die keine Regierung vorbereitet ist. Das Fußballstadion dient als Krankenlager, die Friedhöfe können die Toten nicht mehr fassen, so dass Straßenbahnen die Leichen zu Verbrennungsöfen transportieren. Die Statistiker zählen täglich die Opfer. Wo bleibt das rettende Serum?

Die Pest wütet. Und „Nacht war es auch in allen Herzen“, wie Albert Camus in seinem Roman schreibt, der 1947 erschien und der jetzt in der Corona-Krise derart gefragt ist, dass der Rowohlt Verlag mit dem Liefern der Büchern kaum nachkommt.

Das Buch eines Moralisten

Andere holen ihr verstaubtes Exemplar aus dem Regal und lesen „Die Pest“ neu auf Analogien durch, als könnte diese Weltliteratur uns die augenblickliche Lage erklären. Oder als wachse die Bedeutung dieses Romans mit seiner prophetischen Erfüllung. Tatsächlich ist es ein Buch, das den Leser erschüttert: etwa wenn Camus das qualvolle Sterben eines kleinen Jungen schildert.

Nur ist dieser Roman Camus' eigentlich eine Parabel auf den Kampf der Résistance im Zweiten Weltkrieg gegen die nationalsozialistische Besetzung Frankreichs. Camus, dieser Moralist, drückt darin seinen ungebrochenen Glauben an ein sinnvolles menschliches Handeln im Angesicht der Katastrophe aus. Er propagiert die Solidarität. Und das hat allemal Gegenwartsbezug.

Albert Camus, 1913 in Mondovi (heute Dréan) geboren, als Algerien französisches Siedlungsgebiet war, erzählt die fiktive Handlung der „Pest“ in seiner Heimat. Schauplatz ist die Hafenstadt Oran. Die von einem Chronisten berichteten „seltsamen Ereignisse“ spielen sich „194..“ ab, was auf die Weltkriegszeit verweist. An einem Frühlingsmorgen im April stolpert der Arzt Bernard Rieux im Hausflur über eine tote Ratte. In der ganzen Stadt tauchen die Tiere auf, es wimmelt von Ratten, die aus Kloaken und Kellern ins Freie drängen und verenden.

Dann ist der Spuk plötzlich vorbei. Doch jetzt sterben die Menschen. Hohes Fieber, Delirium, geschwollene Lymphdrüsen, Knoten, die eitern und aufbrechen wie eine faule Frucht. Flecken am Bauch. Ein Todeskampf in entsetzlichem Gestank. Noch sind es Einzelfälle, die Behörden unternehmen wenig. „Die öffentliche Meinung ist heilig: nur keine Aufregung, um Himmels willen keine Aufregung.“ Aber man musste die Fälle nur zusmmenzählen – und das Kind beim Namen nennen: Pest. Die Epidemie breitet sich aus, die Stadt wird komplett abgeriegelt. Ein Leben im Ausnahmezustand: In dieser Isolation, im Angesicht der tödlichen Gefahr müssen sich die Menschen bewähren.

In der Corona-Krise mag der „Pest“-Leser, der täglich mit den Meinungen von Virologen, Epidemologen und Politikern medial geimpft wird, den Roman auf Analogien hin studieren. In Oran jedenfalls geht das öffentliche Leben lange überraschend restriktionslos weiter, die Restaurants, die Kinos haben geöffnet. Im Stadttheater spielt eine Operntruppe unverdrossen Glucks „Orpheus und Eurydike“, bis der pestkranke Sänger ausgerechnet in der Szene zusammenbricht, als er seine Geliebte wieder aus dem Totenreich zurückholen will.

Aber es geht in dieser Geschichte um das Verhalten von Dr. Rieux und seiner Freunde und Gefährten (Frauen spielen in diesem Roman nur Nebenrollen). Unermüdlich, selbstlos, bis zur Erschöpfung arbeitet der Arzt, der, wie sich am Ende herausstellt, auch der Chronist in diesem Roman ist. Das Weltgeschehen und diese Seuche mag gottlos, rätselhaft, absurd erscheinen, aber wie Sisyphos stellt sich Rieux der Pflicht: ohne Pathos.

„Es handelt sich nicht um Heldentum in dieser ganzen Sache. Es handelt sich um Ehrlichkeit“, erklärt er (in der Übersetzung der „Pest“ von Guido G. Meister). Das sei die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen. Aber was ist Ehrlichkeit? In seinem Fall, so Rieux, bestehe sie darin, „dass ich meinen Beruf ausübe“. Und noch ein großes Wort: „Ich fühle mich mit den Besiegten enger verbunden als mit den Heiligen. Ich glaube, dass ich am Heldentum und an der Heiligkeit keinen Geschmack finde. Was mich interessiert, ist, ein Mensch zu sein.“

Da war der Atheist Camus, gelesen vor Karfreitag, gar nicht so weit weg vom biblischen Glauben: Als die Soldaten den gegeißelten Jesus vorführen, sagt Pilatus im Johannesevangelium über den als „König der Juden“ verspotteten Gottessohn: „Seht, welch ein Mensch!“ Camus‘ Dr. Rieux ist auch der Protagonist einer Leidensgeschichte.

Am Ende weiß er, „dass der Pestbazillus niemals ausstirbt oder verschwindet“, auch wenn die Seuche besiegt ist. Es könne der Tag kommen, an dem zur Belehrung des Volks die Ratten wieder geweckt werden. Und dann wird alles wieder auf das solidarische Handeln des einzelnen Menschen ankommen.
© Südwest Presse 09.04.2020 07:45
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