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Feiern, aber anders

Die Festtage stehen bevor. Doch nichts wird in diesem Jahr sein, wie es bisher üblich war. Religiöse Feiern sind abgesagt. Die Kirchen haben sich darauf eingestellt.
Ostern feiern, aber wie? Gottesdienste sind nicht mehr möglich. Mancherorts aufwendig gestaltete öffentliche Kreuzweg-Feiern wurden vor Wochen abgesagt. Manche, wie der ökumenische Frauenkreuzweg in Stuttgart, an Karfreitag um 12 Uhr auf www.drs.de bereitgestellt. In einer Zeit, in der sich die Tage seit Wochen wie ein einziger stiller Karfreitag anfühlen, scheint die österliche Freude unwirklich fremd. Wie will man auch feiern, wenn man nur auf die eigenen vier Wände angewiesen ist? Kinder können Großeltern nicht besuchen, Alleinlebende sich nicht mit Freunden zu einem Fest treffen. Nicht einmal die Treuen der Friedensbewegung werden an diesen Ostertagen marschieren. Zum ersten Mal seit den 60er Jahren.

Und doch werden überall Vorbereitungen getroffen. Nach anfänglicher Schockstarre sind viele Kirchengemeinden aktiv. Gottesdienste werden vielerorts aufgenommen und über Youtube gestreamt, mancherorts, wie bei der reformierten Kirche in Lübeck, wird zu einer Art Telefonkonferenz mit religiösem Inhalt eingeladen. Auch die Fernsehgottesdienste stoßen auf eine messbar stärkere Nachfrage.

„Das ist nicht das Ostern, das wir uns wünschen“, sagt der Bonner Liturgieprofessor Albert Gerhards. Doch auch dieses Ostern erzähle vom Tod eines geliebten Menschen, seiner Grablegung und seiner Auferstehung in einer neuen Gegenwart. Im Osterevangelium bezeugen Maria von Magdala und die Jünger von Emmaus dieses Geschehen. „Unsere Aufgabe ist es jetzt, diesen Glauben zu bestärken, ohne die Stützen der Liturgie“, betont Gerhards.

Und so bereiten viele Kirchen Anregungen und Texte vor für Feiern im Familienkreis. Oft liegen Texte in den weiter geöffneten Kirchen zum Mitnehmen aus, werden an Gemeindemitglieder verschickt oder auf Webseiten zum Herunterladen bereitgestellt. Ordensgemeinschaften wie der Augustinerkonvent in Erfurt bieten Impulse im Internet an. Mitdiskutieren auf Facebook oder per E-Mail ist ausdrücklich willkommen. „Das ist zwar nicht dasselbe wie eine gemeinschaftliche Feier, aber es ist eine Wirklichkeit“, betont Gerhards.

Anderenorts wird über Stationsgottesdienste nachgedacht, wie es sie in der DDR gegeben hat. Nach einer stillen Eucharistiefeier wurden dort unmittelbar im Anschluss geweihte Hostien zu Privathaushalten gebracht. Das habe eine Verbundenheit über die Distanz ermöglicht, sagt der Erfurter Liturgieprofessor Benedikt Kranemann. Die Eucharistiefeier gehört in der katholischen Kirche zum Kern von Gründonnerstag und Ostern. Und doch wird es sie in der gewohnten Form nicht geben. Theologisch dauere die Osterzeit 50 Tage lang bis zum Pfingstsonntag, erklärt Kranemann. Möglicherweise könne man Pfingsten mit einem besonderen Ritus begehen.

Und so werden in diesem Jahr in vielen Gemeinden zwar Kirchenglocken läuten, doch werden sie die Gläubigen nicht zur Zusammenkunft rufen. Osterfeuer werden nicht brennen. Schwierig ist das vor allem für Menschen, die alleine sind. Im Kreis um den Bonner Liturgiewissenschaftler Gerhards wird überlegt, diesen – unter Berücksichtigung des Kontaktverbots – einen Palmzweig oder eine kleine Osterkerze vor die Tür zu legen. Das kann Verbindung stärken, auch ohne direkten Kontakt.

Mit der Sehnsucht nach Zeichen der Hoffnung ist auch Ernst-Wilhelm Gohl, Dekan der evangelischen Münstergemeinde in Ulm konfrontiert. Es sei spürbar, dass in Gesprächen schnell existenzielle Fragen berührt werden: Was macht das Leben aus? Und wie ist eine Situation auszuhalten, in der sich ein Leben von einem Augenblick auf den anderen völlig verändert? „Wir alle machen jetzt die Erfahrung, wie verletzlich und zerbrechlich unser Leben ist.“ Das verunsichere. Darauf müssten die Religionen eine Antwort finden. Menschen brauchten persönliche Ansprachen – und Trost. „Ostern entfällt nicht, nur die öffentlichen Gottesdienste fallen aus.“ Und so rät der evangelische Theologe, die Kar-Tage und die Auferstehung im häuslichen Kreis bewusst zu begehen. „Es wird ein gebremstes Feiern sein“, so Gohl. Aber, warum sollte man bei einer privaten Auferstehungsfeier auf dem Friedhof nicht über das „Wunder von Ostern“ nachdenken?

Einen ganz anderen Weg sucht die kürzlich zur Pastorin des Synodalverbands der evangelisch-reformierten Kirche in Bayern ordinierte Selma Dorn. Die 29-Jährige, die eigentlich eine Stelle beim Deutsch-evangelischen Institut für Altertumswissenshaften im Heiligen Land antreten wollte, jetzt aber warten muss, setzt auf neue Medien. Auf Instagram hat die Theologin mit einer Freundin eine Andacht für zuhause geschaltet. Interessierte können sich durch die Inhalte klicken und Fürbitten einreichen. Solche Medienangebote hat sie als Vikarin in Leipzig eingeübt. „Dort erreicht man mit traditionellen Gottesdiensten niemand mehr.“ Der Traditionsabbruch sei dort abgeschlossen, sagt die Pastorin. Und doch gebe es trotzdem eine Grundneugier auf religiöse Fragen.
© Südwest Presse 09.04.2020 07:45
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