Medaillen-Traum verschoben

Arthur Abele konzentriert sich nach der Olympia-Verlegung auf Tokio 2021. Die trainingsfreie Zeit überbrückt der 33-Jährige im „Home-Office“.
Ein Rudergerät durfte zuhause einziehen, ein Fitnesstrampolin auch. „Daran hat vor allem der Kleine seinen Spaß“, sagt Arthur Abele, „und alles was ihn gerade ablenkt, ist natürlich hilfreich.“ Pragmatismus in Zeiten von Corona. Auch von einem Europameister im Zehnkampf wird der verlangt. Statt auf der Tartanbahn im Ulmer Donaustadion, macht Abele seine Läufe im Wald. Statt mit Kugel und Diskus, trainiert er an den Geräten in seiner Wohnung – sein persönliches „Home-Office“. Aus fünf bis sechs Stunden Sport am Tag, wurden anderthalb. „Da merkt man natürlich einen großen Unterschied“, sagt der 33-Jährige. „Man kann zwar ein bisschen Kraft und Fitness erhalten, aber nichts ausbauen.“

„Bescheidene Vorbereitung“

Im Februar war der Athlet des SSV Ulm 1846 noch mit dem Bundeskader der Zehnkämpfer in Südafrika. Trainingslager, Olympia-Vorbereitung, eigentlich Routine. Über die Nachrichten haben die Sportler verfolgt, wie das Coronavirus in Europa ankam, wie die Pandemie dort ihre Kreise zog. Am 24. März folgte, was einige Athleten zu diesem Zeitpunkt bereits seit Tagen forderten: Die Verlegung der Olympischen Spiele in Tokio von Juli und August 2020 in den Sommer 2021. „Im ersten Moment war es schon ein kleiner Schock“, sagt Abele. „Aber es war definitiv die richtige Entscheidung. Da steht einfach zu viel auf dem Spiel.“ Menschenleben, die Gesundheit aller. Die Offiziellen hätten sich aus seiner Sicht lange vor der Entscheidung gedrückt: „Und mussten dann der Krise Tribut zollen.“ Letztlich war die Verlegung wohl alternativlos, in Japan steigen die Infektionszahlen von Tag zu Tag.

Auf Abeles sportliche Karriere – und seinen großen Traum von einer olympischen Medaille – hat die Verschiebung keine Auswirkungen, im Gegenteil. Sie kommt ihm nicht ganz ungelegen. „Klar, es ist schade und man hat sich bereits darauf gefreut“, sagt er. „Man muss aber dazu sagen, dass ich eine relativ bescheidene Vorbereitung auf die Olympia-Saison hatte – mit einigen Wehwehchen und Problemchen.“ Im Mai und Juni wären die Qualifikations-Wettkämpfe, die auch der Corona-Krise zum Opfer fielen, gewesen. Drei deutsche Zehnkämpfer darf Bundestrainer Christopher Hallmann zu den Olympischen Spielen mitnehmen. „Ich hatte so oder so gesagt: Ich mache bis zur EM 2022 in München weiter“, sagt Abele, der zu diesem Zeitpunkt 36 Jahre alt wäre, „und dann soll es dem Ende zugehen.“

Ob der in der Nähe von Aalen aufgewachsenen Zehnkämpfer in diesem Jahr noch Wettkämpfe bestreiten wird, ist unsicher. Zum einen stellt sich die Frage, ob es aus sportlicher Sicht nicht mehr Sinn mache zum Zeitpunkt x dann bereits in die Olympia-Vorbereitung einzusteigen. An den Grundlagen und der Technik zu arbeiten, das Fundament aufbauen. Zum anderen hat der Deutsche Leichtathletik-Verband zunächst bis Juli sowieso alle Veranstaltungen gestrichen. Allerdings steht noch die Europameisterschaft in Paris für Ende August im Wettkampfplan. Abele sieht das kritisch: „Die europäische Leichtathletik-Organisation sollte hinter die EM jetzt auch mal einen Schlussstrich ziehen. Die Leute haben im Moment andere Sorgen, als ins Stadion zu gehen und Sportler anzufeuern.“ Zumindest finanziell ist Abele, der der Sportfördergruppe der Bundeswehr angehört, abgesichert. Wie es mit seinen Sponsoren weitergeht, weiß er aber noch nicht.

„Schlussstrich“ hinter EM ziehen

Für die Familie bleibt momentan viel Zeit. Vergangenes Wochenende hatte sein Sohn Jay Geburtstag, vier Jahre alt ist er geworden. „Wir haben ein Heimparty geschmissen“, sagt Abele. Ohne Freunde, ohne Bekannte, ohne Oma und Opa: „Übers Handy hat er von ihnen ein kleines Ständchen bekommen.“ Geschenke gab es natürlich trotzdem. Das sei dann doch ein kleiner Vorteil für die kindergartenlosen Zeit.

Vielleicht kann Abele nun doch schneller als gedacht, in seinen geregelten Trainingsalltag zurückkehren. Am späten Freitagnachmittag erteilte das Kultusministerium auch den Bundeskaderathleten eine Ausnahmegenehmigung. Denn auch mental sei die momentane Situation für den Zehnkämpfer nicht ohne: „Das was Spaß macht, wo man seine Leistungsgrenzen erforscht und auch wieder neu aufbauen muss, das fehlt halt alles gerade.“ Auf Dauer sei das wenig motivierend, im Moment bleibe nur: „das beste draus zu machen.“
© Südwest Presse 11.04.2020 07:45
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