Im Wartestand

Die Bundesliga ruht, Länderspiele sind abgesagt, die Europameisterschaft 2021 steht in Frage. Was bedeutet die Corona-Krise für den Frauenfußball?
Lena Oberdorf trainiert im Garten der Familie, Linda Dallmann in ihrer Wohnung in München, Melanie Leupolz macht Übungen auf der Terrasse. Die deutschen Fußball-Nationalspielerinnen versuchen das Beste aus der Situation zu machen. Doch wann und ob es für sie in der Bundesliga wieder zurück auf den Platz geht, bleibt offen. In Frage steht auch, wann sie in diesem Jahr noch einmal das Trikot der DFB-Elf tragen werden.

Die Corona-Krise hat den Sport in Deutschland und Europa nahezu stillgelegt. Und während über eine mögliche Fortsetzung der Männer-Bundesliga täglich spekuliert wird, treffen die Auswirkungen der Corona-Krise auch die Fußballerinnen. Die Gehälter bewegen sich in anderen Dimensionen, auch die Zuschauerzahlen und dadurch generierten Einnahmen. Die Summen sind niedriger, viel niedriger. Die Ticketeinnahmen betragen laut Siegfried Dietrich, Manager beim 1. FFC Frankfurt, bei den meisten Clubs weniger als fünf Prozent. Das sagte Dietrich in einem Interview des Hessischen Rundfunks. Wichtig sei vor allem medial präsent zu bleiben, bei Sponsoren und Fans. Partien ohne Zuschauer, Geisterspiele, könnten die Situation in der Frauen-Bundesliga entschärfen. Der Spielbetrieb ist wie bei den Männern bis zum 30. April ausgesetzt. Sechs Spieltage stehen noch aus, nur noch. Das sieht auch Dietrich als Chance. Selbst wenn die Frauen erst im Anfang Juni weitermachen dürfen, wäre der 30. Juni als Stichtag und angestrebtes Saisonende noch realisierbar, sagte er.

Auch wenn die finanzielle Basis bei vielen Vereinen auf solider Grundlage fußt, werden die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie die Klubs in unterschiedlicher Ausprägung treffen. Die eigenständigen Traditionsvereine wie Turbine Potsdam – und in dieser Spielzeit auch noch der 1. FFC Frankfurt –, die nicht zu Männervereinen gehören und von diesen protegiert werden, könnten es schwer haben.

In der Corona-Krise engagieren sich viele Spielerinnen sozial, DFB-Kapitänin Alexandra Popp beispielsweise für den Tierpark Essehof, wo sie ihre Ausbildung zur Tierpflegerin gemacht hat. Denn bei Gehaltsverzicht und Kurzarbeit wird es bei den Profi-Fußballerinnen, von denen viele studieren oder nebenher arbeiten müssen und je nach Club nur ein paar hundert Euro verdienen, schwierig. „Wir Frauen können nicht einfach sagen, jeder spendet mal 50 000 Euro“, sagte Almuth Schult, National-Torhüterin und Spielerin beim VfL Wolfsburg, vor kurzem in einem Podcast von Eurosport.

Abseits der wirtschaftlichen Folgen drängt sich aber auch die Frage nach der sportlichen Zukunft auf. Die Bundesliga mag ihren Spielbetrieb vielleicht wieder aufnehmen, die 2. Liga und die höherklassigen Juniorinnen pausieren bis auf weiteres. Vor allem aber die Nationalmannschaft könnte die Corona-Krise hart treffen. In ihrem Entwicklungsprozess den Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg nicht müde wird zu betonen.

Anfang März wurde das Finale im Algarve-Cup gegen Italien nicht gespielt, die Italienerinnen reisten aufgrund der dramatischen Corona-Entwicklung in ihrer Heimat vorzeitig aus Portugal ab. Die auf Juni angesetzten Partien gegen Weltmeister USA sind abgesagt. Nach den seichten EM-Qualispielen und dem Cup ein absoluter Gradmesser. Für die Olympischen Spiele – nach der Verschiebung 2021 statt 2020 – hatten sich die DFB-Frauen durch ihr Viertelfinal-Aus bei der vergangenen WM nicht qualifiziert.

Zwei Jahre ohne großes Turnier

Und gerade das könnte noch zum Problem werden. Und den Umbruch in der deutschen Nationalmannschaft, die Entwicklung junger Spielerinnen, der Vorstoß den deutschen Frauenfußball, ob national oder international, zurück in die Weltspitze zu befördern, zumindest verzögern. Als Konsequenz aus der Verschiebung von Olympia und der Fußball-EM der Männer auf den Sommer 2021, soll auch die Europameisterschaft der Frauen in England um ein weiteres Jahr geschoben werden.

In einem Interview, das der DFB auf seiner Internetseite veröffentlichte, sagte Bundestrainerin Voss-Tecklenburg über die Situation allerdings: „Ich sehe das nicht als Zurückstellung des Frauenfußballs. In diesen herausfordernden Zeiten muss der Fußball als Ganzes solidarisch zusammenstehen.“
© Südwest Presse 14.04.2020 07:45
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