Hilfe vom Himmel

Nach wochenlangem Kampf gegen die Waldbrände in der atomaren Sperrzone um Tschernobyl wendet ein Regenguss eine drohende Katastrophe ab.
Ein Wolkenbruch könnte den Großraum Kiew vor einer neuen nuklearen Katastrophe gerettet haben. Seit fast zwei Wochen brennen die Wälder in der Sperrzone um den 1986 explodierten Reaktor von Tschernobyl. Bei heftigem Wind breiteten sich die Flammen in den trockenen und seit Jahrzehnten nicht mehr durchforsteten Wäldern der 2400 Hektar großen „Zone“ schnell aus.

Mehr als 400 Feuerwehrleute und ihre Löschfahrzeuge sowie drei Flugzeuge und drei Hubschrauber des ukrainischen Katastrophenschutzes bekämpften die Brände. Sie konnten nicht verhindern, dass das Feuer am Dienstag die Geisterstadt Pripjat erreichte und sich dem stillgelegten Atomkraftwerk bis auf vier Kilometer näherte. „Aber dort stehen keine Bäume, der Reaktormantel ist feuerfest“, sagt die Bloggerin und Tschernobyl-Expertin Ludmilla Bogun aus dem 70 Kilometer östlich liegenden Tschernihiw unserer Zeitung. „Viel gefährlicher wäre es gewesen, wenn das atomare Endlager Podlesni in Brand geraten wäre.“

Das Feuer war am Montagabend auf zwei Kilometer an Podlesni herangekommen. Dort liegen große Mengen hochradioaktiven Atommülls, Bogun schließt nicht aus, das sie bei starker Hitze explodieren. „Dann müsste man ganz Tschernihiw evakuieren.“

Umweltschützer beklagen die unklare Informationspolitik der Behörden. So schwankten die Angaben über die vom Feuer erfassten Waldflächen zwischen 25 und über 1000 Hektar. Dabei gerieten nach Medienberichten auch Bestände des „Rothaarigen Waldes“ in Brand, ein Forst, der 1986 besonders stark verstrahlt wurde, und ein Muss für Tschernobyl-Touristenbusse ist, weil man dort enorme Strahlungswerte messen kann. Bei Nordwind hätte der Rauch auch die Gesundheit von drei Millionen Menschen im 110 Kilometer entfernten Kiew bedrohen können.

„Die atomare Staubwolke, die der geschmolzene Reaktor ausgestoßen hat, ist damals auf Erde und Pflanzen gesunken“, sagt Maryna Ratuschna, Expertin der Kiewer Umweltschutzgruppe Ekodija. Bei den Waldbränden habe die heiße Luft diesen Staub wieder in die Atmosphäre gehoben, der Wind habe ihn in verschiedene Richtungen getragen. „Er mag auf freiem Feld heruntergekommen sein, aber auch in Gemüsegärten, Menschen können ihn einatmen oder mit ihrer Nahrung aufnehmen.“

Die wieder freigesetzten Radionuklide werden lebensgefährlich, wenn sie in Lunge oder Blutgefäße gelangen. Am Wochenende blies der Wind Richtung Kiew, in der ukrainischen Hauptstadt wurden kurzzeitig erhöhte Cäsium-Werte gemessen, die aber nach offiziellen Angaben nur ein Hundertstel der maximal zulässigen Dosis erreichten.

Ungelöschte Brandherde

Laut Bogun gibt es noch mehrere ungelöschte Brandherde. Aber der mit Schnee gemischte Regen habe den radioaktiven Rauch gebunden, auch das Risiko für die Feuerwehrleute sei deutlich gesunken.

Die mutmaßlichen Brandstifter wurden inzwischen verhaftet. Nach offiziellen Angaben sollen die zwei Männer Anfang April beim Verbrennen von Gras und Müll gleich mehrere Brände fahrlässig entfacht haben. „Leider glauben noch immer viele Leute an den Mythos, im Frühling sei abgebranntes Gras ein gutes Düngemittel“, sagt Maryna Ratuschna. „Aber auch der Klimawandel spielt eine Rolle.“

Wie anderswo seien auch in der Tschernobyl-Zone die Wälder durch lange Dürren und steigende Durchschnittstemperaturen leichter entzündbar. Dieses Jahr aber könnte Tschernobyl weiter Glück haben: Im Großraum Kiew wird ein eher wechselhafter Sommer ohne lange Hitzeperioden erwartet.
© Südwest Presse 16.04.2020 07:45
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