Lesermeinung

Coronavirus – ein Realitätscheck für die Religionen:

Da Ihre Zeitung in Zeiten der Krise den Religionsgemeinschaften einen breiten Raum inklusive täglicher Kolumne einräumt, bedarf es auch einmal eines anderen Blickwinkels, der mit Vernunft und Logik zu tun hat.

„Glauben“ heißt, eine Idee auch ohne gute Gründe anzunehmen und für wahr zu erachten. Wer glaubt, verzichtet auf empirische Belege sowie Gedanken, die mit Wissenschaft und Logik vereinbar und somit nachprüfbar sind.

Die Corona-Krise bringt nicht nur die Wirtschaft ins Wanken, sondern auch die Religionen und zwingt diese samt ihrer vermeintlich höheren Mächte zu einem Realitätscheck. Und vor allem wirft diese Seuche wieder einmal mit allem Nachdruck die Frage nach der Theodizee auf: Wie kann ein gütiger und mächtiger Gott es zulassen, dass Unschuldige so viel Not und Leid ertragen müssen?

Da hilft laut Kirche (inkl. Islam, Judentum, Hinduismus etc.) nur noch beten! Und was wird, wenn sogar das vom Papst angekündigte „Sturmgebet“ so wenig nützt wie sein bisheriges „Stopp- Corona-Beten“? All das soll ablenken von der Verantwortung des „Lieben Gottes“ für das Entstehen des Virus. Das wird nur noch von Ultra-Evangelikalen thematisiert und in bewährter Weise irgendwelchem sündhaften Verhalten des Menschen zugeschustert. Der übrige Klerus lässt seinen „Lieben Gott“ da lieber hinter der Wissenschaft verschwinden.

Die Erinnerung an Pest und spanische Grippe macht aber wenig Hoffnung auf einen Rationalitätsschub. Allerorten lobpreisen Wegkreuze und Kapellchen besonders die Jungfrau Maria dafür, dass sie, nach mehreren Jahren der Heimsuchung, die Pest oder andere Seuchen beendet habe. Zeugnis für diese „irre Egozentrik“ der davongekommenen Gläubigen. Sie danken im Grunde ihrem Gott, dass er die „Anderen“ abgeschlachtet hat und sie verschont hat. So wird man – vermute ich – auch nach der Corona-Krise wieder Dankgottesdienste abhalten, mit Politikern in den vordersten Reihen, die unverdrossen ihr „großer Gott wir loben dich“ singen werden.

© Gmünder Tagespost 16.04.2020 22:12
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Kommentare

Frieder Kohler

https://www.schwaebische-post.de/leserbeitraege/zum-selben-thema/1886059 und hier

https://www.schwaebische-post.de/leserbeitraege/zum-leserbrief-von-willi-meinert-schwaepo-vom-17-april/1886056/ 

habe ich mich mit Ihrem Beitrag, Herr Meinert, auseinander gesetzt. Jetzt bin ich auf Rede und Gegenrede der wenigen praktizierenden Christen, Feiertagsgläubige, Ordensleute und der die "Feindesliebe" lebenden Freunde und Bekannte gespannt. An dieser Stelle wird dies nicht geschehen, die Gründe sind nachvollziehbar.

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