Luftreinhaltung

Corona rettet Schadstoffbilanz

Der Ruf, Fahrverbote in Stuttgart zu stoppen, wird lauter, weil die Stickstoffdioxidwerte derzeit gut sind. In normalen Zeiten würden diese allerdings wohl gerissen.
  • Die Fahrverbote in Stuttgart sollen zum 1.?Juli ausgeweitet werden. Foto: Gregor Bauernfeind/dpa
Durchatmen in Stuttgart: Der Feinstaub-Alarm in der Landeshauptstadt ist Geschichte, weil die Grenzwerte eingehalten werden, und auch die Stickstoffdioxidkonzentration sinkt weiter. Nach Erhebungen der Landesanstalt für Umwelt und Messungen (LUBW) lag der vorläufige Monatsmittelwert an der Messstelle Neckartor in den ersten drei Monaten des Jahres im Schnitt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Das entspricht dem vorgeschriebenen EU-Grenzwert. Sind Fahrverbote damit bald vom Tisch?

Kritiker von Verkehrsbeschränkungen legen die aktuellen Zahlen jedenfalls so aus. „Die Luftqualität verbessert sich ständig, durch die Einschränkungen der Corona-Bekämpfung noch viel schneller. Jegliche Fahrverbote sind ohne jeden Zweifel unverhältnismäßig und müssen sofort ausgesetzt werden“, sagt Jochen Haußmann, verkehrspolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion.

Das Kraftfahrzeuggewerbe stößt ins selbe Horn und sieht seine kritische Haltung gegenüber Verkehrsbeschränkungen durch die Entwicklung in der Corona-Krise bestätigt. Man unterstütze alle Forderungen, die Luftreinhalteplanung auszusetzen und nach Corona auf neuer Grundlage fortzusetzen, teilen Carsten Beuß, der Hauptgeschäftsführer des Verbandes des Kraftfahrzeuggewerbes Baden-Württemberg, und Christian Reher, der Geschäftsführer der Kraftfahrzeuginnung Region Stuttgart, mit.

Demnach könne man die Entwicklung der Werte nicht automatisch in Relation zur Entwicklung der Autos setzen. Die NO2-Werte hätten im Januar, Februar und März am Neckartor bei 47, 36, 37 Mikrogramm gelegen, gleichzeitig seien in den jeweiligen Monaten Tageshöchstwerte von 65 000, 67 000 beziehungsweise 38 000 Autos gemessen worden. Obwohl der Verkehr im März wegen des Shutdowns deutlich abgenommen habe, sei der NO2-Wert wieder leicht gestiegen. „Wir haben immer gesagt, nur den Diesel in den Fokus zu nehmen, greift zu kurz. Luftreinhaltung braucht ein Gesamtkonzept, das alle Quellen einbezieht.“

Eine Argumentation, die Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), als „absurd“ bezeichnet. Seine Organisation dringt weiter auf Fahrverbote in Stuttgart. „Ohne Corona und die aktuellen Bewegungseinschränkungen hätten wir jetzt dramatisch hohe Werte.“ Seit Wochen gebe es keinen Wind und keinen Regen – Indikatoren, die die Schadstoffwerte in normalen Zeiten steigen lassen. „Wir können für jeden Covid-19-Patienten froh sein, dass die Zusatzbelastung durch den Verkehr gerade geringer ist.“ Gerade jetzt sei es geboten, die NO2-Werte weiter zu drücken. Andernfalls komme man nach dem Shutdown im schlimmsten Fall auf Werte über Vor-Corona-Niveau, weil die Menschen dann vielleicht weniger den ÖPNV nutzten.

Februar nass, März sonnig

Der Stuttgarter Stadtklimatologe Rainer Kapp bestätigt Reschs Einschätzung: „Derzeit passiert nichts Überraschendes. Die Stickstoffkonzentration passt zur Verkehrsmenge und zur Wetterlage.“ Demnach war der Februar besonders nass und windreich, auch Anfang März waren die Bedingungen ähnlich, Schadstoffe konnten so besser aus der Luft gewaschen werden. Mitte März kam dann der Shutdown, gleichzeitig wechselte das Wetter auf sonnig und windarm, was Inversionswetterlagen begünstigt. „Ohne die Reduzierung des Verkehrs hätten wir Überschreitungstage und Spitzenwerte beim Stickstoffdioxid gehabt“, sagt Kapp. „Das wurde jetzt abgemildert.“

Im Verkehrsministerium will man die Messdaten noch nicht abschließend bewerten. Ursprünglich war geplant gewesen, dass sich die Koalitionspartner Ende April zusammensetzen und sich die Werte der ersten drei Monate des Jahres anschauen. Auf deren Basis sollte entschieden werden, ob die Fahrverbote für Euro-5-Diesel ab 1. Juli ausgeweitet werden oder nicht.

Die Gerichte sitzen dem Land dabei im Nacken, auf Druck der DUH wurden bereits mehrere Zwangsgelder verhängt, ein aktuelles Verfahren liegt derzeit noch beim Verwaltungsgerichtshof (VGH) Mannheim. An diesen hatte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) vergangene Woche auch die Bitte gerichtet, die Entscheidung über weiterführende Fahrverbote wegen der Corona-Krise zu vertagen. Diese wolle man nun abwarten, sagte ein Ministeriumssprecher. Der VGH hat indes bereits angedeutet, dass eine Verschiebung über einen längeren Zeitraum ohne Zustimmung der DUH als Klägerin kaum zu machen sei.
© Südwest Presse 18.04.2020 07:45
308 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy