Interview

„Es geht darum, Einfluss zu gewinnen“

  • Thorsten Quandt, Sprecher des Zentrums zur Erforschung digitalisierter Öffentlichkeiten an der Universität Münster Foto: privat
Auch Populismus kann pandemisch sein. Zu diesem Schluss kamen Wissenschaftler der Uni Münster, die die Berichterstattung auf 120 000 Facebook-Seiten sogenannter alternativer Medien über Corona untersuchten und die Ergebnisse in einer Studie veröffentlichten. Der Kommunikationswissenschaftler Thorsten Quandt leitet das vielbeachtete Projekt.

Herr Quandt, wen zählen Sie denn zu den alternativen Medien?

Thorsten Quandt: Das sind Anbieter, die den Anspruch haben, selbst über die Welt zu berichten, sich dabei aber als Alternative zum „orthodoxen Mainstream-Journalismus“ sehen. Ihre Motive sind unterschiedlich. Mal stehen Staaten dahinter, wie bei RT-deutsch, mal politische Gruppen, nicht zuletzt aus dem rechtspopulistischen Bereich, bis hin zu Verschwörungstheoretikern. Und es gibt eine Reihe von Journalisten, die glauben, in den traditionellen Häusern nicht ihre Meinung sagen zu können.

Sie haben festgestellt, dass diese Medien kaum Falschmeldungen verbreiten. Hat sie diese Erkenntnis überrascht?

Eigentlich nicht. Es gibt einen Berichterstattungsanspruch, bei dem plumpe Lügen kontraproduktiv wären. Auch bei anderen Themen, etwa bei Wahlen, finden wir so etwas kaum. Es geht darum, Einfluss zu gewinnen. Da wird mehr mit Skepsis, Halbwahrheiten und Gemunkel gearbeitet.

Was heißt das denn in der Praxis?

Es werden Behauptungen verbreitet, die nicht so leicht zu überprüfen und zu widerlegen sind. Da ist dann von „Gerüchten“ die Rede, dass aus dem Biowaffenlabor xy das Virus entwichen ist. Oder man verweist auf die RKI-Analyse aus dem Jahr 2012 an den Bundestag und nimmt die als Beleg für Planspiele in Sachen Corona-Pandemie.

In der Studie heißt es, die alternativen Medien würden gewissermaßen wie ein Foto-Negativ die Fakten darstellen. Was ist damit gemeint?

Es gilt, ein Gegenbild zu schaffen, zu dem, welches von dem „Obrigkeitsstaat“ über die „ihm hörigen Medien“ geprägt wird.

Das heißt, diese Medien machen eigentlich bei Corona nichts anderes als bei anderen Themen.

Ja. Im Grunde genommen wird das neue Thema nur genutzt, um die eigenen ideologischen Positionen auszudehnen. So wird beispielsweise behauptet, man wisse spätestens seit der Flüchtlingskrise, dass das Volk belogen wird, ebenso beim Klimawandel, und nun sei es wieder so. Deswegen muss, fast reflexhaft, die übliche Berichterstattung gekontert werden.

Und welchen Erfolg haben diese alternativen Medien in der aktuellen Situation. Nehmen Sie nennenswerten Einfluss?

Wir haben für unsere Studie keine Medien-Konsumenten befragt. Ich kann deswegen nur meinen Eindruck schildern, den ich aus anderen Studien gewonnen habe. Einerseits scheint es so zu sein, dass sich die Meldungen der alternativen Medien durchaus verbreiten, andererseits aber lassen sich die meisten Menschen nicht für dumm verkaufen und können unterscheiden zwischen ideologisch geprägten Meinungen und berechtigten Fragen.

Aktuell erleben wir eine Debatte über die Herkunft des Virus. Auch seriöse Medien wie die „Washington Post“ vertreten die Ansicht, das Virus entstamme einem chinesischen Labor, möglicherweise für Biowaffen. Schwappt da etwas in die Mainstream-Medien über?

Ich denke, Journalismus muss glaubwürdige Aussagen prüfen. Selbst dann, wenn es nach Verschwörungs-Klischees aussieht. Beim Coronavirus wissen wir ja nicht zu 100 Prozent sicher, wo es herkommt. Also wird man nach der Ursache suchen. Es geht darum, keine ungeprüften Thesen zu verbreiten, nicht darum, dass keine Fragen gestellt werden sollen!

Wie sind eigentlich die Reaktionen auf Ihre Studie? Die kann Online jeder nachlesen und hat durchaus für einige mediale Aufmerksamkeit gesorgt.

Einerseits wurde öffentlich darüber diskutiert und weitgehend wurden unsere Thesen auch bestätigt. Von Fachkollegen und Medien. Bei denjenigen, über die wir geforscht haben, sind dagegen teilweise die Sicherungen durchgebrannt. Es gab Hassmails und persönliche Attacken gegen mich, vor allem von überzeugten Verschwörungstheoretikern. Die Ironie, dass sie damit bestätigen, was wir herausgefunden haben, ist ihnen entgangen. Denen geht es nicht um Diskussion, sondern um das eigene Weltbild. Wir vertreten dagegen die Ansicht, dass auch abstruse Meinungen öffentlich vertreten werden dürfen. Das steht in der Studie. Aber um das zu erfahren, hätte man sie lesen müssen. André Bochow
© Südwest Presse 20.04.2020 07:45
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