Sportmedizin

„Müssen zurück in den Vereinssport“

Professor Jürgen Steinacker von der Uni Ulm fordert eine baldige Öffnung für die breite Masse. Zuerst sollten die Maßnahmen aber bei den Profis getestet werden.
  • Sporttreiben mit Atemmaske und Sicherheitsabstand: So wie im Central Park in New York sieht es in Deutschland aktuell noch nicht aus. Foto: Vanessa Carvalho/ZUMA Wire/dpa
  • Prof. Dr. Jürgen Steinacker. Foto: Matthias Kessler
Wie alle Bereiche des öffentlichen Lebens, so sucht auch der Sport fieberhaft nach einer Exit-Strategie aus der Corona-Krise. Doch die ist so individuell wie die vielen Sportarten selbst. Welche Wege es zu einer „neuen Normalität“ im Leistungs- und Breitensport gibt und welche Gefahren dabei lauern, untersucht der Ulmer Uni-Professor Jürgen Steinacker.

Herr Steinacker, die Stimmen zur Lockerung des Lockdowns im Sport werden lauter. Was sagen Sie dazu?

Prof. Dr. Jürgen Steinacker: Ich sehe es aktuell als sehr wichtig an, dass die Menschen – und gerade die älteren – ihren gewohnten Sportaktivitäten wieder vermehrt nachgehen können. Denn nicht das bloße Alter, sondern der körperliche Zustand eines Menschen entscheidet darüber, wie eine Covid-19-Erkrankung abläuft. Und da ist es kontraproduktiv, alle Ü60-er lange Zeit in Einzelhaft zu stecken. Das Sofa ist auch ein gefährlicher Ort, bei langer Untätigkeit stirbt man an Krankheiten, die mit dem Bewegungsmangel einhergehen.

Eine drastische Formulierung...

Natürlich, aber es ist unstrittig, dass das Immunsystem regelmäßig trainiert werden muss, um Entzündungen gut bekämpfen zu können. Und aktuell bewegen wir uns in einem Bereich, in dem wir zwar die Verbreitung des Virus verhindern, aber etwas anderes bewirken: Dass sich die Älteren kaum noch aus dem Haus trauen. Davon müssen wir schnell wieder wegkommen und Wege zurück in den Vereinssport finden.

Warum reicht es nicht, dass man in Deutschland Joggen und Radfahren darf?

Man darf die sozialen Funktionen des Vereinssports nicht unterschätzen: Der Sportverein animiert die Menschen, sich zu bewegen. Diese soziale Funktion und die Gruppe stärken ebenso die Immunabwehr.

Liegen sie mit dieser Meinung nicht im Clinch mit führenden Virologen?

Einen Streit haben wir gar nicht. Es ist aber ein wichtiger Diskurs, den wir zu führen haben: Der Virologe ist an der Kontrolle der Infektion interessiert, wir Sportmediziner haben zusätzlich das Ziel, den Menschen körperliche Bewegung und soziale Interaktion zu ermöglichen, damit sie möglichst gesund und sicher aus der Krise gehen.

Wie sieht dann ihr Fahrplan zurück in den Breitensport aus?

Zunächst einmal ist jeglicher Sport, bei dem man einen gewissen Abstand einhalten kann, kein Problem. Tennis zum Beispiel, oder auch Volleyball mit Einschränkungen. Wo man sich sportartbedingt näher kommen muss, brauchen wir noch Konzepte, hier werden sicherlich Masken eine Rolle spielen oder eine Semi-Quarantäne.

Das bedeutet?

Ich sehe zum Beispiel kein Problem, eine Rudergruppe von zehn vernünftigen 18-Jährigen zu bilden, die sich dazu verpflichten, es rechtzeitig zu melden, wenn bei ihnen oder in ihrem Umfeld eine Erkrankung vorliegt. Dann ist die Umgebung sicher und das Infektionsrisiko geht gegen Null.

Bislang hat aber nur der Profisport solche Privilegien genossen. Eine Ungerechtigkeit?

Das sehe ich nicht so. Profis sind Leute, die sehr koordiniert und diszipliniert trainieren können. Daher sehe ich sie als Modelle für die Gesellschaft und nicht als Privilegierte. Die Leistungssportler können Regeln für die breite Masse erproben.

Das Konzept des Profi-Fußballs ist allerdings für den Breitensport ja so nicht umsetzbar.

Die machen das jetzt natürlich sehr aufwändig. Aber wir alle müssen auch irgendwann wieder Vertrauen ins Sporttreiben gewinnen. Und hier können die Fußballer uns viel geben. Daher sehe ich das andersherum: Natürlich müssen die Leistungssportler anfangen. Und wenn man sieht, das funktioniert dort und ist sicher, kann man die Gruppen erweitern und das Ganze nach und nach für die Jugend und den Breitensport öffnen. Allerdings werden wir sicherlich auch das ganze Jahr noch Regeln einhalten müssen.

Eine Regel könnte das Tragen einer Maske sein. Doch inwiefern ist das mit dem Sporttreiben überhaupt vereinbar?

Wenn wir demnächst Sportarten erlauben wollen, in denen man sich sehr nahe kommt, dann kann dort die Maske ein Schutz sein, die wir dem Gegner anbieten müssen. Ich kann mir sonst nicht vorstellen, dass wir solche Sportarten in den nächsten Monaten machen können. Also wird jeder diese Behinderung in Kauf nehmen müssen. Bei anderen Sportarten wie Joggen, Radfahren oder Rudern ist dagegen auch ohne Mund-Nasen-Schutz nicht anzunehmen, dass man sich ansteckt.

Was können Sie Menschen empfehlen, die eine Corona-Erkrankung durchgemacht haben und wieder Sport treiben wollen?

Nach unseren jüngsten Forschungen empfehlen wir nach einer Corona-Infektion vier Wochen Pause, weil wir im Moment nicht genau wissen, wie stark die Einschränkungen sind. Wenn es eine Lungenentzündung gab, empfehlen wir zudem dringend eine sportmedizinische Untersuchung. Denn Covid-19 ist eine Systemerkrankung, die zu Entzündungsreaktionen führt. Das kann sowohl für den Blutdruck und die Gefäße Auswirkungen haben, aber auch für das Herz und die Lunge. Bei der sportmedizinischen Untersuchung wird qualifiziert, ob sich diese Systeme erholt haben oder eben nicht. Die meisten von den Erkrankten werden wieder Sport treiben können ohne Probleme. Aber es ist wichtig, dass wir die herausfinden, die Probleme haben.
© Südwest Presse 04.05.2020 07:45
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