Nicht oder doch ansteckend?

Kinder entwickeln meist nur schwache Symptome. Sind sie trotzdem infektiös? Wie Forscher aus dem Land Studienergebnisse aus Berlin einschätzen.
  • Welche Rolle spielen Kinder bei der Verbreitung des Coronavirus? Foto: Robert Michael/dpa
Eine neue – bislang allerdings noch nicht von unabhängigen Experten geprüfte – Corona-Studie eines Teams um den Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité sorgt bundesweit für Aufsehen. Demnach sind Kinder genauso ansteckend wie Erwachsene. Die Zahl der Viren, die sich in den Atemwegen nachweisen lässt, unterscheide sich bei verschiedenen Altersgruppen nicht, heißt es – weshalb die Forscher aufgrund ihrer Ergebnisse vor einer uneingeschränkten Öffnung von Schulen und Kindergärten in Deutschland warnen.

War vor wenigen Tagen nicht vom genauen Gegenteil die Rede? Doch! Eine große Studie der Universitätskliniken Ulm, Heidelberg, Freiburg und Tübingen testet derzeit auf Initiative der baden-württembergischen Landesregierung mehrere tausend Kinder und deren Elternteile – ausgehend von der Arbeitshypothese, dass Unter-Zehnjährige deutlich weniger ansteckend wenn nicht sogar immun sein könnten.

Ausgangspunkt dieser Überlegungen sind Zahlen aus Island: Unter rund 10 000 getesteten Isländern ohne Symptome trug kein einziges Kind das Virus in sich, in einer weiteren Gruppe mit Kontakt zu Covid-19-Patienten war die Viruslast bei Kindern verschwindend gering ausgeprägt.

Ist die gerade erst angelaufene und vom Land Baden-Württemberg mit 1,2 Millionen Euro finanzierte Kinder-Studie angesichts der jüngsten Erkenntnisse aus Berlin hinfällig? Professor Klaus-Michael Debatin verneint. Der Ärztliche Direktor der Ulmer Uniklinik für Kinder- und Jugendmedizin ist zwar überzeugt, dass die Drosten-Studie „sauber gemacht“ ist. Allerdings seien unter den dort rund 3700 getesteten Personen nur sehr wenige Kinder unter zehn Jahren gewesen, nämlich deutlich unter 100 – die zudem selbst Symptome gezeigt hätten. „Dass man bei dieser Gruppe eine höhere Virenlast findet, ist nicht überraschend.“

Die Frage, warum isländische Kinder unbelastet waren, sei damit aber nicht beantwortet. Zumal die bisherige Erfahrungen länderübergreifend gleich seien: „Kinder erkranken wesentlich weniger, und wenn sie erkranken, weniger symptomatisch.“

Dies stehe im Widerspruch zu anderen grippalen Infekten, bei denen Kindern bekanntlich oft am stärksten infiziert seien und als regelrechte „Virenschleudern“ gelten würden. Kurzum: „Corona passt nicht ins Bild, das wir üblicherweise bei Viruserkrankungen vorfinden.“ Darüber hinaus habe die hiesige Studie auch einen anderen Fokus. Man teste gezielt Eltern-Kind-Paare um herauszufinden, wie hoch die Gefahr einer innerfamiliären Übertragung ist. Bisher gebe es keine Hinweise einer Übertragung vom Kind auf die Eltern.

Die ersten Ergebnisse der baden-württembergischen Studie sollen in wenigen Wochen vorliegen. So oder so könne man aber angesichts des reichen Datenschatzes schon jetzt von einem Erfolg sprechen, sagt Debatin. Der Zulauf freiwilliger Probanden sei immens. Waren es Anfang der Woche allein in Ulm bereits mehr als 1000 große und kleine Versuchsteilnehmer, ist zu Beginn dieser Woche bereits die 2000er-Marke erreicht.
© Südwest Presse 05.05.2020 07:45
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