Infektion für die Forschung?

Um die Entwicklung eines Impfstoffs gegen Sars-CoV-2 voranzutreiben, wollen sich Tausende freiwillig infizieren lassen. Noch ist es nicht so weit.
Eine Gruppe Freiwilliger lässt sich mit einem potenziell tödlichen Virus infizieren, um so die Menschheit schneller vor ebendiesem schützen zu können: Was klingen mag wie aus einem Science-Fiction-Film, schwebt den Initiatoren der Kampagne „1Day Sooner“ tatsächlich vor. Das Team um den US-amerikanischen Doktoranden Chris Bakerlee von der Harvard University sucht Menschen, die potenziell bereit wären, gezielt an Covid-19 zu erkranken, um so die Entwicklung eines Impfstoffes zu beschleunigen. Mehr als 14 000 Menschen aus über 100 Ländern haben sich bereits registriert.

Klinische Studien zur Entwicklung eines Impfstoffs bestehen aus mehreren Phasen. Zunächst wird der Wirkstoff unter anderem auf seine Verträglichkeit getestet, später dann auf seine Wirksamkeit. Hierfür bekommen einige Probanden den Wirkstoff verabreicht, eine zweite Gruppe erhält ein Placebo oder eine Standardtherapie. Man wartet dann, bis sich genügend Probanden von alleine mit dem jeweiligen Erreger infiziert haben.

Das Problem: Wenn ein Erreger nicht besonders verbreitet ist, können unter Umständen Zehntausende Studienteilnehmer nötig sein. Außerdem kann diese Testphase dann sehr lange dauern. Hier setzt die Überlegung von „1Day Sooner“ an: Eine gezielte Infektion freiwilliger Probanden mit dem Coronavirus könnte die entsprechende Testphase beschleunigen.

Gesundheitliche Risiken

Doch derartige „Human Challenge Trials“, so der englischsprachige Fachbegriff, sind unter Wissenschaftlern umstritten. Einige betonen den großen Nutzen für die Gesellschaft, andere äußern ethische Bedenken und verweisen auf enorme gesundheitliche Risiken, die die Infektion mit einem in vieler Hinsicht noch unerforschten Erreger wie Sars-CoV-2 haben könnte.

Die Initiatoren von „1Day Sooner“ berufen sich auf „Human Challenge Trials“ in der Vergangenheit. So wurden etwa in den 1970er-Jahren Probanden in den USA gezielt mit Cholera infiziert, um die Wirksamkeit eines Impfstoff-Kandidaten zu erproben, andere Freiwillige ließen sich Malaria-Erreger verabreichen.

In Deutschland habe es vergleichbare Studien mit freiwillig Infizierten in dieser Form bislang nie gegeben, sagt der Medizinhistoriker Norbert Paul von der Universitätsmedizin Mainz. „In dem Augenblick, in dem wir zum Beispiel eine sehr wirksame Therapie hätten, wäre das natürlich ethisch vergleichsweise leicht zu vertreten“, sagt Joerg Hasford vom Arbeitskreis Medizinischer Ethik-Kommissionen. Er verweist auf das ursprünglich zur Behandlung von Ebola entwickelte Mittel Remdesivir, das in Deutschland derzeit nur innerhalb eines Arzneimittel-Härtefallprogrammes für Corona-Patienten zugänglich ist. „Wenn sich also zum Beispiel zeigt, dass man mit Remdesivir eine sehr gute, wirksame Therapie hätte für schwerste Verläufe und man nähme Probanden, die definitiv nicht zur Risikogruppe gehören, dann könnte ich mir vorstellen, dass man sowas auch in Deutschland macht.“ Eine weitere Voraussetzung wäre für Hasford allerdings, dass die Studienteilnehmer nachvollziehbar zeigten, dass sie verstanden hätten, worauf sie sich einließen.

Ein „Human Challenge Trial“ zur Erprobung eines Corona-Impfstoffs ist aber ohnehin Zukunftsmusik. Nur wenige der mehr als 100 Impfstoffprojekte, die weltweit laufen, werden überhaupt bereits in klinischen Studien mit Freiwilligen erprobt. dpa
© Südwest Presse 09.05.2020 07:45
286 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy