Coronavirus aktuell

Virus-Krise verhindert neuen Rekord

Das vergangene Jahr bringt dem Fairtrade-System mit zwei Milliarden Euro den bisher höchsten Umsatz. Das wird sich 2020 nicht wiederholen lassen.
  • Mitarbeiterinnen in Kolumbien bereiten Bananen für den Export vor. Foto: Christoph Köstlin/TransFair e.V./obs
Mary Kinyua kämpft derzeit mit massiven Problemen. Sie ist Arbeitsdirektorin der Blumenfarm Oserian am Naivasha-See rund 130 Kilometer nordwestlich der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Normalerweise liefert die Farm mit ihren 7000 Beschäftigten Rosen und Blumen in großem Stil mit dem Fairtrade-Siegel auch nach Deutschland. Aber die Corona-Pandemie hat das Geschäft nahezu zum Erliegen gebracht. „Wegen des Muttertags haben wir wieder ein paar Aufträge mehr“, berichtet sie am Donnerstag per Video-Schaltung bei der Jahres-Pressekonferenz von Fairtrade Deutschland aus Kenia.

„Die Produktion mussten wir auf nur noch 30 Prozent herunterfahren, wir arbeiten nur noch mit 35 Prozent unseres Personals“, sagt Kinyua, die auch Vorstandsvorsitzende von Fairtrade Africa ist. Massenweise müssen Rosen und Blumen weggeworfen werden. Alle Beschäftigten, die noch arbeiten, tragen Masken, es gelten strenge Hygienevorschriften. Für die Kinder gibt es Essen, weil die Schulen geschlossen sind. „Wir müssen die Lieferketten am Laufen halten und Transporte ermöglichen“, sagt Kinyua. „Fairtrade ist gerade jetzt für uns extrem wichtig.“

Dabei lief es im vergangenen Jahr und in den ersten beiden Monaten 2020 gut, berichtet Fairtrade-Geschäftsführer Dieter Overath. Auch für Oserian. „Gut eine halbe Milliarde Fairtrade-Rosen wurden 2019 in Deutschland verkauft, ein Plus von 19 Prozent. Damit kommen wir auf einen Marktanteil von 30 Prozent am gesamten Schnittblumenmarkt.“ Ähnlich gut gestaltete sich dank Supermarktketten wie Rewe, Lidl oder Aldi der Verkauf von anderen „fairen“ Produkten aus Entwicklungsländern. „Am stärksten war der Zuwachs mit 41 Prozent bei Bananen. Verkauft wurden 130 000 Tonnen oder 1 Mrd. Bananen. Das entspricht einem Marktanteil von 20 Prozent.“ Mit 23 000 Tonnen ergab sich bei fairem Kaffee ein Plus von 12 Prozent. Immer mehr unter Berücksichtigung von Umwelt und hohen sozialen Standards angebauter Kakao ist in Schokolade und ähnlichen Produkten enthalten. 79 000 Tonnen waren es 2019 und damit 45 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Mit fast 60 Prozent ergab sich auch ein deutliches Plus bei Textilien aus fairer Baumwolle.

Die Corona-Pandemie sorgt in den Ländern des Südens für schwerere Verwerfungen als hierzulande. Darauf weist Overath hin. Die Ausgangsbeschränkungen seien drastischer. Ernten können nicht eingeholt werden, weil Helfer fehlen. Textilfabriken sind geschlossen, weil Aufträge in riesigem Umfang storniert wurden. Der Transport der Ware in die Häfen ist problematisch. Bei Blumenfarmen seien im März Tausende von Beschäftigten entlassen worden.

Umso wichtiger sind in dieser Phase nach Ansicht von Overath und Kinyua Fairtrade-Produkte. Fairtrade garantiert Mindestpreise als Sicherheit gegenüber den schwankenden Weltmarktpreisen. Das sei aktuell besonders wegen der deutlich gesunkenen Kaffee- und Kakaopreise für die Bauern im Süden wichtig. Der Preis für Rohkaffee liegt nach Angaben von Overath derzeit bei 100 US-Cent für ein US-Pfund, Fairtrade dagegen zahle 140, für Bio-Kaffee sogar 190 US-Cent.

Die Prämien, die Verbraucher bereit waren zu zahlen, beliefen sich im vergangenen Jahr in Deutschland auf insgesamt 38 Mio. EUR. „Sie ist oft die einzige Rücklage, die Produzenten haben“, sagt Mary Kinyua. „Auch Kaffee-, Kakao- und Baumwoll-Bauern im Süden sind systemrelevant“, betont Overath.
© Südwest Presse 09.05.2020 07:45
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