Lesermeinung

Zu „Studie: Kinder nicht weniger ansteckend“ vom 2. Mai

Im Artikel wird die Untersuchung der Labordaten der Arbeitsgruppe um Christian Drosten so zusammengefasst: „Das Team um Drosten hatte in Proben von 3732 Infizierten die Menge an Viren bestimmt. Sie fanden keinen Unterschied in der Viruslast zwischen verschiedenen Altersgruppen. Bei der Beurteilung der Ansteckungsgefahr in Schulen und Kindergärten müssten die gleichen Annahmen zugrunde gelegt werden, die auch für Erwachsene gelten [...]“. In keinem Wort des Artikels wird erwähnt, dass Professor Drosten selbst seine reine Laborstudie als „aus der Not geboren“ darstellt, die nur „indirekte Hinweise geben könnte“. Richtige Kontaktstudien könnten nicht gemacht werden, da die Kitas geschlossen seien.
Weiter müsse beachtet werden, dass Kinder nur sehr wenig getestet würden, da sie meist asymptomatisch seien und in Deutschland vor allem symptomatische Patienten getestet würden. Das heißt, dass von den erwähnten 3712 untersuchten Infizierten genau 49 (!) Kinder bis zehn Jahre alt waren. Drosten erwähnt im NDR-Podcast vom 29. April: „Eigentlich müsste man noch mal zehnmal mehr Kinder haben, aber so viele haben wir einfach nicht.“ Deshalb solle man mit den erhobenen Daten sehr vorsichtig umgehen. Die Schlussfolgerung der Laborstudie sei: „Children maybe as infectious as adults“ mit Betonung auf „maybe“. Weiterhin wird in jenem Podcast eine Studie aus Shanghai und Wuhan erwähnt, die nahelegt, dass Kinder von 0 bis 14 Jahren wohl nur ein Drittel so empfänglich für die Erkrankung sind wie Erwachsene.

Diese Fakten bleiben im Artikel unerwähnt, stattdessen wird nur der Teil der Wahrheit berichtet, der Menschen verunsichert und verängstigt. Aber ist es nicht Aufgabe öffentlicher Medien, alle erforderlichen Informationen zu beschaffen, auszuwählen, so zusammenzustellen und auch kritisch zu kommentieren, dass der Leser sie versteht und sich seine eigene Meinung bilden kann? Warum werden wir seit Wochen nur mit katastrophalen Nachrichten und Angst machenden Bildern überflutet? Ich bitte die freie Presse darum, ihre Kontrollfunktion im Staat in Zeiten von Corona ernst zu nehmen und allen Seiten der Wahrheit gleich viel Raum zu geben.

© Gmünder Tagespost 11.05.2020 19:35
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Kommentare

In my humble opinion

Ich bin amüsiert, wenn eine promovierte Medizinerin darum bittet, dass die Presse >allen Seiten der Wahrheit gleich viel Raum< geben möge.
Wahrheit, alle Seiten der – wie viele Seiten hat die Wahrheit, wie viele Wahrheiten gibt es denn? Diesen Ausdruck kenne ich nur von der Religion und der Philosophie, in der Wissenschaft hat man ( mehr oder weniger lückenhafte ) Erkenntnisse. So habe ich auf konkrete Fragen an Mediziner häufig die Antwort „das ist individuell unterschiedlich“ gehört, ich halte das für eine höfliche Umschreibung für ‚keine Ahnung‘. Aber im Wissen um die lückenhafte Erkenntnislage mache ich den Medizinern keine Vorwürfe. Zur Zeit sind alle Erkenntnisse über Sars-CoV-2 und Covid-19 nur vorläufig, wir lernen mit jedem Tag und jedem Fall dazu, meines Wissens offen ist noch:
Stecken sich Kinder weniger häufig an als ältere Menschen und wenn ja, warum, oder haben sie nur wenig bis keine Symptome?
Wenn man eine hohe Virenlast bei asymptomatischen Kindern findet, ist das Zufall oder Regel?
Geben solche Kinder die Viren weiter und wenn nein, warum nicht?
Und das ist doch, neben den Fragen nach möglichen Kollateral- und Spätschäden, auch bei Kindern, die große Unbekannte: Verbreiten die Kinder das Virus mehr oder weniger als Erwachsene oder doch eher nicht? Darauf sollten wir möglichst bald eine Antwort wissen.
Angesichts des vielen Nichtwissens ist die Forderung nach ‚allen Seiten der Wahrheit‘ ein starker Antritt.

Harald Seiz

Frau Dr. med Esber-Schimmel schreibt:

<<Drosten erwähnt im NDR-Podcast vom 29. April: „Eigentlich müsste man noch mal zehnmal mehr Kinder haben, aber so viele haben wir einfach nicht.“ Deshalb solle man mit den erhobenen Daten sehr vorsichtig umgehen. Die Schlussfolgerung der Laborstudie sei: „Children maybe as infectious as adults“ mit Betonung auf „maybe“.>>

Erstens ist der Podcast, aus dem das angeführte Zitat stammt, nicht vom 29. April sondern vom 30. April. Zweitens hat Prof. Drosten zwar hervorgehoben, dass aus der Studie nicht mit Sicherheit hervorgeht, dass Kinder genauso infektiös wie Erwachsene sind. Aus dem Kontext des gesamten Podcasts geht aber hervor, dass Drosten durchaus eine Wahrscheinllichkeit dafür sieht, dass Kinder zumindest ähnlich infektiös sind wie Erwachsene.

Der von Frau Dr. med Esber-Schimmel kritisierte Artikel stellt die Gefahr der Infektion durch Kinder also keinesweg als dramatischer dar, als diese Gefahr im Podcast von Prof. Drosten beschrieben wurde.

Ich finde es es daher nicht sachgerecht, dass Frau Esber-Schimmel aufgrund dieses Artikels glaubt, insinuieren zu müssen, wir würden von der Presse in tendenziöser Weise "seit Wochen nur mit katastrophalen Nachrichten und Angst machenden Bildern überflutet".

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