Hintergrund

Pleiten, Pech und Pannen

Der Mordfall Bögerl war stets von Berichten über angebliche und tatsächliche Polizei-Pannen begleitet. Die gravierendste brachte einen damals 40-Jährigen ins Gefängnis: Der Familienvater aus Giengen hatte als angeblicher Informant die Ermittler sieben Monate lang an der Nase herumgeführt. Er legte falsche Spuren, nahm eine zweite Identität an und kassierte rund 5000 Euro an Belohnungen. Weil er die verzweifelten Polizisten mit angeblichem Insiderwissen und (gefälschten) Beweisen köderte, wurde er sogar offiziell als V-Mann geführt und beschuldigte willkürlich unbescholtene Menschen. Erst nach 77 Treffen mit Polizisten fiel das Lügengebäude zusammen. Die Ermittler waren blamiert, der Betrüger wurde 2013 zu drei Jahren Haft verurteilt.

Doch auch andere Aktionen der Ermittler warfen Fragen auf:

Am Tag der Entführung soll ein ganzer Polizei-Konvoi mit Blaulicht und Martinshorn durch Heidenheim gefahren sein – Kritiker monierten, das könnte den Entführer verschreckt haben. Er hatte Thomas Bögerl gewarnt, nicht die Polizei einzuschalten.

Die Kinder von Maria und Thomas Bögerl kritisierten, dass die Polizei es dem Bankdirektor allein überließ, das geforderte Lösegeld zu besorgen. Wegen Verzögerungen wurde das Geld 27 Minuten zu spät am Übergabeort abgelegt.

2017 ließen die Ermittler per „Aktenzeichen XY... ungelöst“ öffentlich nach einem Verdächtigen aus Königsbronn fahnden, der in NRW geprahlt hatte, Informationen zum Mordfall Bögerl zu haben. Ortskundige Polizei-Kollegen oder den Bürgermeister hatte man zuvor offenbar nicht befragt – dabei war der Gesuchte in Königsbronn ortsbekannt. Besonders pikant: Zum Zeitpunkt der „XY“-Ausstrahlung hatte man den Mann bereits seit mehreren Stunden in Gewahrsam. Wie sich herausstellte, war er unschuldig.

Auch die beiden Bögerl-Kinder waren zwischenzeitlich ins Visier der Ermittler geraten, wurden über Monate hinweg abgehört. Verbittert wandten sich sie sich 2012 an die Medien: „Das Ausmaß an Pannen hat unser Vertrauen zerstört. Die Instanz, die dazu da ist, dir zu helfen, macht tausend Fehler und versinkt in planlosem Aktionismus“, sagte Tochter Carina Bögerl dem „Stern“.

Manche angeblichen „Pannen“ und Ermittlungsfehler haben sich im Nachhinein allerdings auch als Presse-Enten herausgestellt. Der Fall Bögerl war von großem Medien-Interesse begleitet – und zog viele Hobby-Ermittler, Aufschneider und Wichtigtuer an, die teils für große Schlagzeilen sorgten, an denen nichts dran war. rom
© Südwest Presse 12.05.2020 07:45
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