75 Jahre Kriegsende

Hitler aus der Asche

George Allen kämpfte gegen die Nazis. Als die Deutschen besiegt waren, entriss der US-Besatzer Protokolle von Hitlers Lagebesprechungen dem Feuer. Es war ein Fund, der Geschichte machte.
  • George Allen mit angekohlten Aufzeichnungen: Wichtiges Material für Richter und Historiker. Foto: Sammlung Mark Bando Foto: Sammlung Mark Bando
  • Der Krieg lag hier schon lange hinter ihm: George Allen in seinem Antiquariat in Philadelphia. Foto: Sammlung Eleanor Allen
  • Er arbeitete für die Spionage-Abwehr: George Allen in Uniform. Foto: Sammlung Eleanor Allen
Er hatte die Nacht zuvor vor Aufregung kaum schlafen können. Den Morgen musste George Allen mit Routinearbeiten in seinem Büro vertun, während draußen die Stenografen auf ihn warteten. Dann endlich konnte der US-Besatzer in den Jeep springen, der ihn nach Hintersee bringen sollte, begleitet von dreien der Männer, die in den vergangenen Jahren fast jedes dienstlich gesprochene Wort Hitlers mitgeschrieben hatten.

Allen trieb während der 15 Kilometer langen Fahrt von Berchtesgaden hinauf nach Hintersee nur eine Frage um: Ob er dort „die Überreste des zentralen Nervensystems des erschlagenen Nazi-Drachens“ finden würde? Sein Fahrer fuhr wie ein reckless, speeding maniac , dann stand Allen am Ziel: am Rand einer kurz zuvor ausgehobenen Grube von sechs Metern Durchmesser. Sie war angefüllt mit schwarzem, flockigem, verkohltem Papier. „Ein trübseliger, trostloser Anblick“, fand Allen. Nichts war den Flammen entgangen, so sah es zumindest aus, es gab keinen Grund, noch länger zu bleiben. Da hörte er zwei der Stenografen sagen, wie „paradox und ungewöhnlich“ es sei, dass es hier nun schon seit fast zwei Wochen nicht mehr geregnet habe. Allen drehte sich noch einmal zum See aus Asche um – und sprang hinein.

Es war der Vormittag des 9. Mai 1945, ein Tag nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Am 7. Mai hatte ein Militärpolizist an seine Bürotür im zweiten Stock des Hotels Bellevue geklopft und jemanden angekündigt, der „Informationen von Interesse“ haben könnte.

George Allen war skeptisch. Seit Ende Januar, als seine Einheit noch im Elsass lag, arbeitete er für das Counter Intelligence Corps (CIC), die Spionageabwehr der US-Armee. Er habe den Job mit Begeisterung angenommen, schreibt er in seinen Kriegserinnerungen, „weil ich dachte, dass er aufregend sei“. War er aber nicht. „Der größte Teil unserer Arbeit bestand darin, Behauptungen nachzugehen, die sich gewöhnlich als falsch herausstellten.“

Ein Buchhändler wird Verhörspezialist

Jetzt trat ein großer Mann mit schmalem, asketischem Gesicht ein und stellte sich als Amtsgerichtsrat Gerhard Herrgesell vor. Er erzählte, dass er erst vor kurzem in Berchtesgaden eingetroffen sei, aus Berlin kommend, wo er am 22. April abgeflogen war, „gerade, nachdem die letzte Besprechung mit dem Führer vorbei war“. Allen sprang erregt auf. Herrgesell erklärte sich: Er gehörte zu einer insgesamt achtköpfigen Gruppe von Stenografen, die seit dem September 1942 sämtliche Besprechungen Hitlers mit Generälen und anderen hohen Offizieren aufgezeichnet hatte.

Als CIC-Agent hätte Allen Herrgesell und die anderen Stenografen des Führers sofort festnehmen sollen. „Und doch schien es solch eine Verschwendung zu sein, diese Nichtkombattanten, Quellen des Wissens, in einen Haufen mit SS-Generälen und Gauleitern zu werfen“, fand Allen. Er entließ Herrgesell mit der Aufforderung, am nächsten Tag in Begleitung der anderen Stenografen zurückzukehren.

George Allen wusste den Wert außergewöhnlicher Aufzeichnungen zu schätzen. Er war Buchhändler im Antiquariat seiner Mutter in Philadelphia, als ihn im März 1943, einen Monat vor seinem 24. Geburtstag, ein von Präsident Roosevelt unterzeichneter Einberufungsbefehl ereilte. Nach der militärischen Grundausbildung, einem Deutschkurs, einer Ausbildung zum Verhörspezialisten und einer weiteren zum Fallschirmspringer wurde er der 101st Airborne Division zugewiesen. Aber er kämpfte nicht mit dem Gewehr in der Hand. Seine Waffe war das Wort: Er vernahm deutsche Kriegsgefangene.

Im Winter 1944/45 war Allen dem Tod trotzdem ganz nah gekommen. Während der Ardennenschlacht wurde die 101st Airborne Division im südbelgischen Bastogne von deutschen Truppen eingekesselt – und konnte standhalten. „Am 19. Januar verließen wir Bastogne in einem Schneeschauer“, erzählte Allen später. „Ein Privileg – mutigeren Männern, besseren Männern vorenthalten – war mir gewährt worden: Es lebendig zu verlassen.“ Im französischen Mourmelon sang Marlene Dietrich „Lili Marlene“ für die famed heroes of the bloody Bastogne .

Das war im März 1945. Zwei Monate später, am Nachmittag des 5. Mai, kam Allen in Berchtesgaden an. Am nächsten Tag richtete er im Hotel Bellevue das CIC-Büro ein, mit Blick auf den Obersalzberg und Hitlers kürzlich bombardierten Berghof. Ihn erwarteten „die aufregendsten Erfahrungen meines Lebens“.

Mit beiden Beinen in verkohltem Papier

Als Gerhard Herrgesell am 8. Mai, wie versprochen, mit seinen Kollegen in Allens CIC-Büro zurückkehrte, erzählte er, was aus den Aufzeichnungen der Lagebesprechungen geworden war. Sie waren am frühen Morgen des 21. April per Flugzeug aus Berlin nach Berchtesgaden gebracht und Anfang Mai von SS-Leuten am Rande von Hintersee verbrannt worden: etwa 120 000 Blatt betipptes Papier und 1500 Blatt Stenogramme. Ein Fegefeuer, in dessen Reste Allen am nächsten Tag hineinsprang.

Er stand bis zu den Oberschenkeln in Asche. Er wühlte, trat, schlug um sich. Plötzlich stieß er mit dem linken Arm auf „etwas, das nicht leicht und bröselig war, das nicht emporschwebte und in kleine Partikel zerfiel“: ein paar Seiten betipptes Papier. Und danach auf einen angekohlten, aber nicht verbrannten Manila-Umschlag, darin ein Stenogramm. „Donnerwetter!“, sagte Herrgesell.

Allen tropfe der Schweiß vom Gesicht. Seine Augen tränten. Er hustete und nieste. Hier und dort suchend, mal sich im Kreis vorantastend, mal einer geraden Linie von einem Ufer zum anderen folgend, zog er Blatt um Blatt, Umschlag um Umschlag aus dem Aschesee, bis er endlich erschöpft einhielt und sich mit seinen Funden auf den Weg nach Berchtesgaden machte. Zweimal kehrte er zurück – einmal allein, einmal mit einem Kollegen – und fand mehr. Den Stenografen gab er den Auftrag, die Fundstücke zu ordnen und zu rekonstruieren. Es gab niemanden, der dafür besser geeignet war als sie. In einem Büro gleich neben Allens machten sie sich an die Arbeit.

Aus der Asche fügte sich die Figur Hitlers zusammen. In knapp drei Monaten Arbeit, erinnert sich Allen, stellten die Stenografen 52 Lagebesprechungen – etwa jede vierzigste – ganz oder teilweise wieder her. „Es kann keinen Zweifel darüber geben, dass sie eine der Hauptquellen über Hitler und die zweite Hälfte des Krieges sind“, schreibt Gerhard Weinberg, der große alte Weltkriegshistoriker. Indem Allen diese Quelle fand und alles tat, um den Text zu retten und zu rekonstruieren, habe er der Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg einen „bedeutenden Dienst“ erwiesen. Eines der Protokolle ging als US-Beweisstück 787 in die Nürnberger Prozesse ein.

Allen, der Antiquar, hatte den Fund seines Lebens getan. In den folgenden Wochen vernahm er in Berchtesgaden kleine und große Nazis, Kriegsverbrecher wie Robert Ley und Fritz Sauckel, aber auch Hitlers Sekretärin, Hitlers Arzt, Hitlers Schwester und schließlich seinen Chauffeur Erich Kempka, der ihm alles über Hitlers Tod erzählte, „womit ich für kurze Zeit der einzige Mensch in der westlichen Welt war, der wusste, wann und wie er gestorben war“.

Kurz vor Weihnachten 1945 kehrte Allen zurück ins mütterliche Antiquariat nach Philadelphia. Er blieb Buchhändler, fast bis zu seinem Tod Ende 1998. „Mein Vater war ein liebenswürdiger, bescheidener, ehrlicher, direkter, humorvoller Mann“, sagt seine Tochter Eleanor. Und so versäumte er es auch nicht, vor seinem Tod seinen historischen Nachlass zu ordnen. Eine der sechs Ausfertigungen der rekonstruierten Lagebesprechungen übergab er der University of Pennsylvania, die sie bis heute bewahrt.
© Südwest Presse 13.05.2020 07:45
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