Sommer der Hoffnung

Die EU will den Urlaub retten, Auslandsreisen sind in Sicht. Aber mit den neuen Leitlinien der Brüsseler Kommission zu Grenzöffnungen droht ein Regelungs-Chaos.
  • Sonne, Sand und Meer: Viele Deutsche hoffen, dass sie ihren Urlaub an spanischen Stränden wie hier in Mino in Galicien verbringen können. Foto: Cabalar/dpa
Die Chancen für Sommerurlaub trotz Corona-Krise wachsen wieder. Während in Deutschland die Bundesländer die Weichen für Reisen zwischen Nordsee und Alpen stellen, geht es jetzt auch in Europa voran: Die EU-Kommission will am Mittwoch Leitlinien beschließen, wie Grenzkontrollen gelockert und die Sommerferien koordiniert in allen EU-Ländern ermöglicht werden sollen: „Europa braucht eine Pause“, heißt es im Beschlussentwurf, der unserer Redaktion vorliegt. Das Brüsseler Versprechen ist gewaltig: Die nächsten Monate könnten Europäern die Chance zur benötigen Erholung bieten – im eigenen Land oder, das sagt die Kommission ausdrücklich, „jenseits der Grenzen“. Wird der Urlaub am Mittelmeer oder in Skandinavien trotz Corona möglich? Ja. Aber: Touristen brauchen noch Geduld, ein normaler Urlaub wird es ohnehin nicht werden – stattdessen droht jetzt Regelungs-Chaos in der EU. Ein Überblick.

Stufenweise Lockerung: In ihren Leitlinien schlägt die EU den Ländern einen stufenweisen, in der Union koordinierten Prozess für die Lockerung der Grenzkontrollen vor – unter der Bedingung, dass sich die Corona-Infektionszahlen nicht wieder verschlechtern. Zunächst sollen die Grenzen fallen zwischen Ländern, die die Pandemie gut und auf ähnlichem Niveau eingedämmt haben. Und in denen es genügend Test- und Krankenhauskapazitäten bei möglichen Rückfällen gibt. Mehrere EU-Staaten könnten sich zu neuen Zonen der Reisefreiheit zusammentun, solange sie dies mit Infektionsdaten begründen können; die EU-Gesundheitsbehörde ECDC soll dabei helfen. Die drei baltischen Staaten preschen kommendes Wochenende vor, Kroatien will demnächst eine solche Gruppe mit Österreich, Slowenien und Bosnien-Herzegowina gründen. Genauso sollen Luftbrücken möglich sein, etwa zwischen Deutschland und Griechenland. Bedingung der Kommission: Solche Arrangements müssen für alle Einwohner der beteiligten Länder unabhängig von ihrer Nationalität gelten. Dass quer durch Europa die Bürger vorübergehend sehr ungleiche Bedingungen vorfinden – je nach Infektionsrate und Regierungsvereinbarungen –, wird in der Kommission nicht ausgeschlossen, sie hofft aber auf eine weitere Besserung der Lage in allen Ländern.

Bis in der Schengenzone wieder generell Reisefreiheit herrscht, wird es nach Brüsseler Einschätzung dauern. Die Umsetzung der neuen Leitlinien liegt deshalb im Ermessen der EU-Länder. Tatsächlich sind viele Regierungen schon dabei, bilateral über Einreiseregeln zu verhandeln. Wichtiges Element: Touristen sollen bei der Ankunft nachgewiesen Corona-frei sein. Griechenland plant etwa, von allen Urlaubern ein höchstens drei Tage altes Attest zu verlangen, Kroatien erwägt solche Nachweis-Pflicht per „Corona-Pass“.

Mögliche Reiseziele für Deutsche: Der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Thomas Bareiß, führt bereits Gespräche etwa mit Italien und Griechenland, um gemeinsam Reise- und Sicherheitskonzepte zu entwickeln. Er sieht eine Perspektive für Reisen deutscher Urlauber etwa auf die Balearen oder die griechischen Inseln; gesichert ist aber noch nichts. Eine Abstimmung sucht Berlin auch mit Frankreich. Unter den neuen Bedingungen zeichnet sich ein Flickenteppich in der EU ab. Die Niederlande verzichten schon jetzt auf Einreisekontrollen und starten am 1. Juli in den Feriengebieten die Saison auch für ausländische Urlauber. Kroatien wirbt ebenfalls mit offenen Grenzen, Griechenland mit einem Neustart am 1. Juli; die Grenzen sollen schon Mitte Juni geöffnet werden. Und Südtirol erwartet, dass deutsche Sommertouristen spätestens ab Juli kommen könnten. In der Reisebranche gilt als sicher, dass bis zum Sommer mindestens auch Mallorca, Zypern, Österreich, Bulgarien und Dänemark für deutsche Urlauber zugänglich sein werden. Aber weil viele Unterkünfte nicht voll belegt sein dürfen, werden die Plätze knapp sein. Und ein Nadelöhr bleiben die Flugverbindungen. Die Lufthansa hat jedoch angekündigt, ab 1. Juni Ziele wie Mallorca oder die Kanaren wieder anzufliegen. Ryanair will ab Juli wieder 90 Prozent seines Streckennetzes bedienen.

Neue Hygienevorschriften: Auch wenn die Anreise gelingt, so wird der Urlaub in Corona-Zeiten kein normaler sein. In Hotels, Restaurants oder am Strand werden Abstandsgebote streng geregelt und überwacht, Schwimmbäder oder Spas könnten geschlossen bleiben. Urlaubsländer und Reiseveranstalter sollen jetzt solche Sicherheitskonzepte ausarbeiten.

Die Einhaltung der Schutzstandards dürfte für die Urlaubsziele zum wichtigsten Thema werden. Denn viele Urlauber sind noch misstrauisch. Und ein Urlaubs-Hotspot, der zum neuen Infektionsherd wird, hätte einen schweren Imageschaden. „Über allem steht das Ziel, den Urlaubern das Gefühl der Sicherheit zu geben“, verspricht deshalb Mallorcas Hotelverband.
© Südwest Presse 13.05.2020 07:45
447 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy