Handel stürzt sich in Rabattschlacht

In den Lagern türmen sich die Waren, die Kunden kehren nur langsam in die Geschäfte zurück. Das setzt die Branche nach den Umsatzausfällen der vergangenen Wochen noch mehr unter Druck.
  • In vielen Geschäften werden die Kunden immer noch vermisst. Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Gleich drei Gründe sorgen dafür, dass sich die Kauflust derzeit in Grenzen hält. „Die Menschen sind noch in Sorge. Angst ist kein guter Konsumtreiber“, sagt der Konsumpsychologe Hans-Georg Häusel. Nur wer optimistisch ist, kauft gerne Waren, die er nicht dringend braucht. Außerdem mache Einkaufen derzeit auch nicht wirklich Spaß – mit Maskenpflicht und Zugangsbeschränkungen. Zudem haben derzeit viele Menschen finanzielle Sorgen. „Viele Arbeitskräfte sind in Kurzarbeit, gerade in den unteren Lohngruppen bleibt da wenig übrig.“

Das trifft besonders den Modehandel. Nach der wochenlangen Schließung dürfen inzwischen zwar alle Geschäfte wieder Kunden bedienen, wenn auch mit Einschränkungen wie Sicherheits- und Hygieneregeln. Die Kundenströme aber bleiben aus. „Wir haben in den Bundesländern, in denen bereits größere Modehäuser komplett öffnen durften, eine deutlich unterdurchschnittliche Kundenfrequenz registriert“, sagt Rolf Pangels, der Hauptgeschäftsführer des BTE-Handelsverbands Textil.

Das werde sich auch nicht so schnell ändern. Schließlich fehle vielen Kunden nach wie vor auch schlicht der Anlass, sich ein neues Outfit zuzulegen. „So lange größere Feiern und Feste eingeschränkt oder sogar verboten sind und Millionen Menschen im Homeoffice arbeiten oder sogar in Kurzarbeit sind, rechnen wir mit deutlichen Einbußen“, sagt Pangels.

Die Konsumstimmung eilt von einem historischen Tiefststand zum nächsten, wie der Handelsverband in seinem Konsumklimaindex Anfang des Monats festgestellt hat. So gehen die Anschaffungsneigung und die Einkommenserwartungen deutlich zurück, was wiederum die Kaufzurückhaltung verstärkt.

Das ist angesichts der Masse an Waren, die wegen der Krise übriggeblieben sind und die Lager in vielen Geschäften verstopfen, fatal. Schätzungen von Branchenexperten gehen von 300 Mio. Kleidungsstücken aus, die derzeit in den Lagern liegen. Es werden wohl noch mehr werden. Außerdem muss die nicht verkaufte Frühjahrsware dringend raus, neue Sommerware rein.

Der Handel reagiert mit einem der wenigen Steuerungsinstrumente, die er derzeit hat: umfassenden Rabatten. Mit Nachlässen von 20 bis zu 70 Prozent werben Läden in den Innenstädten um die raren Kunden. Dabei können sie sich die eigentlich gar nicht leisten nach den Verlusten der vergangenen zwei Monate.

Wie tief Teile der Branche in der Krise stecken, zeigt zum Beispiel die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof, die sich in ein Schutzschirmverfahren begeben musste. Hallhuber, Sinn und mehrere deutsche Tochtergesellschaften von Esprit sind in der gleichen Lage. Appelrath Cüpper beantragte Insolvenz.

Selbst Modeketten wie C&A sind unter Druck. Martijn van der Zee, Topmanager von C&A Europa, sagte der Branchenzeitschrift Textilwirtschaft: „Ein wirklich normales Saison-Geschäft erwarten wir frühestens zur Weihnachtszeit – und das nur, wenn alles gut geht.“ C&A rechne mit Umsatzverlusten im zweistelligen Bereich – „eine katastrophale Situation für einen Händler.“

Längere Durststrecke

So schnell wird sich die Situation für den Modehandel also wohl nicht ändern. Auch der Konsumpsychologe Häusel ist pessimistisch. „Solange das Coronavirus drohend über uns schwebt, wird sich die Stimmung nicht verbessern.“ Dem Handel drohe noch eine längere Durststrecke. Für den Einzelnen hat er aber durchaus eine Tipp: „Man sollte sich nicht jeden Tag sechs Stunden lang mit Corona beschäftigen. Man sollte trotz allem noch sehen, dass es viel Schönes gibt auf der Welt.“ Für den ein oder anderen ist das vielleicht sogar die Schnäppchenjagd in den Innenstädten, wo sich die Händler in den nächsten Wochen mit Rabatten überbieten werden.
© Südwest Presse 13.05.2020 07:45
374 Leser
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy