Kultur in Berlin

Die Kunst der Stille

Zaghaft haben die Berliner Museen begonnen, Corona zu trotzen. In beschränktem Umfang heißen sie wieder freudige Besucher willkommen.
  • Eine Besucherin betrachtet Auguste Rodins Skulptur „Der Denker“ in der Alten Nationalgalerie Berlin. Das Museum ist seit wenigen Tagen nach wochenlanger Schließung wegen der Corona-Pandemie wieder geöffnet. Foto: John MacDougall/afp
Kunst und Kultur sind nicht zuletzt auch wirtschaftlich die wichtigsten Attraktionen Berlins. Die Corona-Pandemie hat schon nach zwei Monaten einen achtstelligen Millionen-Schaden angerichtet. Am folgenschwersten trifft der fatale Zwangs-Stopp die drei Opernhäuser und die sechs großen Sinfonie-Orchester.

Denn sie müssen für ihre insgesamt fast 50 000 Abonnenten (allein die Berliner Philharmoniker bringen es auf 8000) langfristig bereits jetzt die kommende Spielzeit komplett durchgeplant haben, ohne zu wissen, was davon mit einer Besetzung von maximal 15 Instrumentalisten auskommen kann und wie das dann wo und wann tatsächlich zur Aufführung gelangt. Alles total unklar. Kirill Petrenko und Daniel Barenboim, die Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker und der Staatskapelle, haben immerhin (kost)probeweise schon mal vor leeren Rängen mit kammermusikalisch stark ausgedünntem Klang Flagge live im Fernsehen gezeigt, und das hörte sich ganz gut an.

Leibhaftig in ihrem originalen Zustand sichtbar sind dagegen wieder die Kunstschätze geworden, die das Museum birgt. Genauer: Fünf der 17 Staatlichen Museen Berlin haben zu normalen Öffnungszeiten ihren preußischen Kulturbesitz zugänglich gemacht. Freilich fehlt mit der ägyptischen Nofretete das absolute Museumsinsel-Muss. Bloß ihretwegen will man eben nicht das ganze riesige Neue Museum offenhalten, zumal die meisten der auch nur am Rande kunstinteressierten Stadtbewohner ja schon lange genug Gelegenheit gehabt haben, die verführerische magische Wunder-Königin zu bestaunen. Und Touristen, die schließlich zu 80 Prozent die Museums-Kundschaft bilden, sollen ja bis jetzt in Notzeiten wie diesen lieber daheim bleiben.

Die Berliner müssen deshalb eben alleine ihre Museen beehren und am Leben halten. Sie tun dies aber offensichtlich sehr, sehr zögerlich. In die Gemäldegalerie, die zu den zehn besten der Welt gehört, verirrten sich am zweiten Tag der Wiedereröffnung vormittags keine fünfzig. Unendlich viele dürfen es allerdings auch nicht sein. In der Gemäldegalerie und in der Nationalgalerie sollen es nie mehr als 250 gleichzeitig sein, die sich aus dem Weg gehen. Es wird abgezählt an der Kasse. Und, versteht sich, Gesichtsmaske ist Pflicht, nicht nur fürs Personal. Anmeldung empfohlen

Eine zeitliche Begrenzung der Besuchsdauer, in außergewöhnlich frequentierten Museen anderswo durchaus üblich, sieht man in Berlin nicht für notwendig an. Es wird jedoch dringend empfohlen, sich online anzumelden und sich ein sogenanntes Zeitfenster zuteilen zu lassen. Dass dies aber realiter nicht nötig ist, zeigt der an den ersten Tagen überall, insbesondere aber in Schinkels Altem Museum mit den griechisch-römischen Statuen, nur unerwartet spärlich tröpfelnde Besucherandrang. „Guck mal: da strömt schon wieder einer!“, heißt es so trefflich in einem possierlichen deutschen Schwank. Es sind vorwiegend sehnsüchtige, den ausgeschilderten Rundgang-Weg brav befolgende Kenner und Liebhaber von Bildern, für die ihre Leidenszeit nun happy-endet. Einen desinfizierten Audioguide brauchen die nicht, eine sowieso nicht mehr erlaubte Führung schon gar nicht.

Nun endlich einmal ganz alleine oder höchstens in Reichweite zu zweit vor den Bildern eines Lorenzo Lotto (sechs Stück, exklusiv in Deutschland!) und einer erhellend umgehängten unerschöpflichen Niederländer-Supersammlung stehen (zwei Vermeers und zwei Dutzend Rembrandts) oder in der Nationalgalerie die wunderbar restaurierten Caspar-David-Friedrich-Ikonen ( mehr als in Hamburg und Dresden) und Carl Blechen und Adolph Menzel im überwältigenden Überfluss bestaunen. Da glüht das schönheitstrunkene Auge und der eh bedeckte Mund bleibt stumm. Das Museum, der weltabgeschieden stillste und beglückend erholsamste Ort der Stadt.

Voranmelde- und Wartezeiten gibt es hier nicht. Wohl aber im Deutschen Historischen Museum, wenn man einer genialen Denkerin und aufsässigen Kämpferin für ein menschliches Recht des Rechts, Hannah Arendt, ganz unspektakulär näher treten will: online-ausgebucht für eine ganze Woche im Voraus!

Doch am begehrtesten ist der Eintritt zur sensationellen Monet-Ausstellung (verlängert bis 19. Juli), nicht in der Hauptstadt, wo es zur Zeit keinen ansteckungsgefährlich werden könnenden Blockbuster gibt, sondern im nahen Potsdam im privat finanzierten Barberini-Museum. Wer diese beispiellos umfangreiche Impressionismus-Orgie sehen will, sollte nicht spontan nach Potsdam aufbrechen in der Hoffnung, vielleicht auch ohne Online-Ticket zum Zuge zu kommen: Mehr als 800 (vor Corona waren es 3000) dürfen täglich nicht rein, und die sind schon samt Zeitfenster für jeweils mindestens die nächsten zehn Tage vergeben.
© Südwest Presse 16.05.2020 07:45
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