Der vergessene Prozess

Wenige Jahre nach Kriegsende werden die Euthanasie-Morde von Grafeneck im Schloss Hohentübingen verhandelt. Im Rückblick war es ein enttäuschendes Verfahren.
  • Schloss Grafeneck im Frühjahr 2020. In einem nahen Schuppen wurden 1940 mehr als 10 000 Menschen vergast. Foto: Pierre-Christian Fink/dpa
  • In grauen Bussen wurden die Todgeweihten damals nach Grafeneck transportiert. Foto: HA DS 3675-05
Aus heutiger Sicht würde man erwarten, dass der Rittersaal am 8. Juni 1949 rappelvoll war. Doch weit gefehlt. Gerade einmal 35 Zuhörer finden sich seinerzeit zum Start des so genannten Grafeneck-Prozesses im Schloss Hohentübingen ein, bei dem es um die Ermordung von 10 654 Menschen geht. 10 654 Männer, Frauen und Kinder, die im Jahr 1940, noch bevor das Töten im Osten losgeht, im Rahmen der Krankenmorde, der „Aktion T4“, in Grafeneck vergast wurden, weil sie psychisch krank oder körperlich behindert waren.

Die deutsche Öffentlichkeit sei damals, kurz nach dem Krieg, noch nicht bereit für die Aufarbeitung gewesen, versucht Thomas Stöckle, der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, das geringe Interesse zu erklären, das seinerzeit am Tübinger Grafeneck-Prozess herrschte.

Es ist ein Montagmorgen Anfang März. Die Corona-Krise nimmt in Deutschland gerade Fahrt auf. Stöckle ist auf dem Weg zu der Schlossanlage nahe Münsingen im Kreis Reutlingen, um die Einrichtung wegen der Pandemie vorläufig zu schließen. Die Angehörigen der Opfer hätten damals keine Lobby gehabt, sagt er. Auch seien die Reaktionen auf die Tode ganz unterschiedlich gewesen. „Das reichte von offener Ablehnung über Gleichgültigkeit bis zu Zustimmung.“ Hinzu komme, dass die Täter der damaligen Zeit oftmals prominente Fürsprecher gehabt hätten.

Obendrein sitzen in jenem Sommer 1949 nicht die Hauptverantwortlichen auf der Anklagebank. Diese seien zu Beginn des Verfahrens bereits tot gewesen, schreibt der Tübinger Kriminologe Jörg Kinzig im Band „60 Jahre Tübinger Grafeneck-Prozess“, einer Zusammenfassung von Reden, die beim gleichnamigen Symposium 2009 gehalten wurden. Bei den acht Angeklagten handelt es sich demnach um Beschäftigte aus der zweiten oder gar dritten Reihe.

Vier Ärzte, zwei Pfleger sowie zwei Polizisten, die als Standesbeamte eingesetzt waren, müssen sich damals vor dem Landgericht Tübingen verantworten. Bedenkt man, dass in Grafeneck etwa 100 Beschäftigte angestellt waren, eine verschwindend geringe Zahl. Der Vorwurf lautet auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Beihilfe zum Mord.

Hauptangeklagter ist Otto Mauthe, Kinzig zufolge ein Schreibtischtäter, der im Württembergischen Innenministerium „Sachbearbeiter für das Irrenwesen“ war. Der Obermedizinalrat sei „in großem Umfang an der Organisation und Durchführung der Euthanasie in Württemberg beteiligt“ gewesen. Demnach gab Mauthe etwa Transportlisten an die Anstalten heraus, mit deren Hilfe die Patienten nach Grafeneck deportiert wurden.

Neben Mauthe sind der Arzt Alfred Stegmann, der als stellvertretender Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Zwiefalten Transportlisten anfertigte und auch selbst Kranke für die spätere Tötung auswählte, sowie dessen Nachfolgerin Martha Fauser angeklagt. Die Psychiaterin war im Dezember 1940 selbst bei einer Tötung in Grafeneck dabei. Der Facharzt für Psychiatrie Max Eyrich besuchte gemeinsam mit Otto Mauthe Einrichtungen, um die dort untergebrachten Kranken für den Transport nach Grafeneck zu erfassen.

Die Krankenpfleger Heinrich Unverhau und Maria Appinger waren beide nach Grafeneck versetzt worden und begleiteten dort Krankentransporte. Nach der Schließung der Anlage übten beide dieselbe Tätigkeit in anderen Tötungsanstalten aus. Und dann waren da noch die beiden als Standesbeamte eingesetzten Polizisten Jakob Wöger und Hermann Holzschuh, die falsche Todesursachen, Sterbedaten und Sterbeorte eintrugen.

Sie alle kommen nach nur vier Wochen Verhandlungszeit „erstaunlich glimpflich“ davon, wie Kinzig schreibt. Dazu kam es, weil sich das Gericht bei seiner juristischen Bewertung an das seit Dezember 1945 geltende Kontrollratsgesetz Nummer 10 hielt und nicht an das Strafgesetzbuch – anders als etwa das Landgericht Freiburg, wo es bereits 1948 einen Euthanasie-Prozess gegeben hatte. Das Kontrollratsgesetz regelte die Bestrafung von Personen, die sich Kriegsverbrechen beziehungsweise Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht hatten, ließ dafür aber einen „ungewöhnlich und problematisch weiten Strafrahmen“ zu, der von Geld- bis Todesstrafe reichte, so Kinzig. Fünf der acht Angeklagten sprechen die Richter schließlich frei, einzig die Mediziner Mauthe, Stegmann und Fauser erhalten Gefängnisstrafen. Stegmann wird zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, kommt aber schon im November 1949 frei. Fauser bekommt eine Strafe von eineinhalb Jahren, muss aber nicht ins Gefängnis, weil sie vier Jahre in U-Haft saß. Der Hauptangeklagte Mauthe wird zu fünf Jahren verurteilt, muss die Haft aus gesundheitlichen Gründen aber nie antreten. Er stirbt 25 Jahre nach dem Prozess.

Ein Richterspruch, aus heutiger Sicht wie eine Farce. Er offenbare, dass eine „justizförmige Vergangenheitsbewältigung staatlich organisierter Gräueltaten, wie sie uns in Grafeneck begegnen, offensichtlich schnell an ihre Grenzen stößt“, so Kinzig. Das Grafeneck-Urteil nehme die weiche Linie gegen NS-Täter in der Bundesrepublik sozusagen vorweg.

Ein Problem sahen die Richter wohl unter anderem darin, den Angeklagten ihre Beteiligung an einer Vielzahl einzelner Tötungen nachweisen zu müssen. Auch sei nicht zu klären, ob sie sich nicht bemüht hätten, Kranke freizubekommen, hieß es in den Fällen der Ärzte Eyrich und Fauser. Den Pflegern und Polizisten gestanden die Richter zudem einen Nötigungsnotstand zu – diese hatten argumentiert, durch Drohungen zum Mitmachen gezwungen worden zu sein. Die Juristen ignorierten dabei offenbar, dass es in anderen Einrichtungen durchaus passiven Widerstand gegeben hatte, der ohne große Konsequenzen geblieben war.

Aufarbeitung dauert Jahrzehnte

Das Hauptverdienst des Prozesses, folgert der Kriminologe Kinzig, liege in der Nachzeichnung der historischen Geschehnisse und der Feststellung der genauen Zahl der Getöteten. Darüber hinaus müsse es bei „diesen staatlich organisierten Großverbrechen“ darum gehen, „eine Ächtung der Verbrechen generell zu signalisieren“. Mit Blick darauf „hätte man sich noch eine deutlichere Sprache der Tübinger Richter gewünscht“, so Kinzig.

Der Grafeneck-Prozess gerät nach 1949 alsbald in Vergessenheit, wie Thomas Stöckle sagt. Auch die Aufarbeitung der Gräueltaten auf der Schwäbischen Alb lässt Jahrzehnte auf sich warten. 1990 wird die Gedenkstätte gegründet, 2005 das Dokumentationszentrum eingeweiht.

Rund 30 000 Besucher zählt Stöckle heute, bis zu 500 Gruppen empfängt der 55-Jährige pro Jahr. Wöchentlich erhält er Anfragen von Nachfahren der Getöteten. Neulich, noch vor der Corona-Krise, seien zudem erstmals auch Angehörige von Tätern da gewesen.
© Südwest Presse 20.05.2020 07:45
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