„Diese Anomalie geht zu Ende“

Der aus Singapur stammende Ex-Diplomat Kishore Mahbubani über die westliche Dominanz und die Kräfteverschiebung in der Welt durch den Aufstieg Pekings.
  • „Jede Gesellschaft wird irgendwann demokratisch“, sagt Kishore Mahbubani. Foto: pr
Im März musste die Tagung des chinesischen Volkskongresses wegen Corona verschoben werden. Nun wird die Mammutveranstaltung nachgeholt, am Donnerstag ging es los. Erwartet wird eine Demonstration der Stärke. Der Wissenschaftler und Ex-Diplomat Kishore Mahbubani sieht die Welt auf dem Weg ins „asiatische Jahrhundert“.

Die Coronavirus-Pandemie hat bislang kein anderes Land stärker getroffen als die Vereinigten Staaten, Chinas Erzrivalen. Halten Sie die Volksrepublik für den Krisengewinner?

Kishore Mahbubani: Ich wäre zum jetzigen Stand sehr vorsichtig, denn der Kampf gegen Covid-19 ist noch lange nicht vorbei. Lassen Sie uns erst mal abwarten.

Dennoch sprechen Sie vom Paradigmenwechsel weg von der westlichen Dominanz hin zum asiatischen Jahrhundert. Hat die Pandemie diesen Prozess beschleunigt?

Die Beschleunigung fand doch bereits vor Covid-19 statt. Sehen Sie: Bis 1820 waren die größten Volkswirtschaften der Welt China und Indien. Nur in den letzten 200 Jahren haben Europa und die Vereinigten Staaten ihren Siegeszug angetreten. Verglichen mit den 2000 Jahren zuvor ist die westliche Dominanz also eine Anomalie. Diese wird irgendwann zu Ende gehen.

Viele europäische Länder haben in den letzten Wochen tatsächlich versucht, vom Beispiel Südkoreas und Taiwans zu lernen. China hingegen gilt in Teilen auch als abschreckendes Beispiel.

Der große Fehler, den der Westen begeht, ist es, Gesellschaften in schwarz und weiß zu kategorisieren. Natürlich hat China Fehler gemacht – etwa, Wissenschaftler zum Schweigen zu bringen. Aber meine Freunde, die selber Ärzte und Wissenschaftler sind, sagen mir: Wenn ein neues Virus mit zunächst scheinbar harmlosen Erkältungssysmptomen auftritt, wie soll man sich dann sicher sein, dass dieser Erreger letztlich hunderttausende Menschen töten wird?

Die chinesische Regierung propagiert jedoch ihrerseits eine schwarz-weiß-Propaganda: Sie streitet nach außen Fehler ab und inszeniert sich mit Maskenlieferungen als Retterin der Welt.

Chinesen sollte man am besten nicht innerhalb einer öffentlichen Debatte konfrontieren. Meine Erfahrung mit chinesischen Diplomaten und Regierungsvertretern ist, dass sie im Privaten sehr informiert und nachdenklich sind, im persönlichen Gespräch auch Fehler eingestehen werden. Es ist ein anderes System. Wir müssen mit einem China leben, welches existiert – und nicht ein China, von dem wir uns wünschen, dass es existieren würde.

Also auch ein China, das künftig eine selbstbewusstere Stellung einnimmt. Sind die Machtdemonstrationen im Südchinesischen Meer oder der Konflikt um Hongkong ein Vorgeschmack auf die neue Weltordnung?

Ich finde, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen China und den USA gibt: Amerika glaubt, dass es die beste Gesellschaft der Welt ist und dass es jedem anderen Land besser ginge, wenn es die USA kopieren würde. Aus den letzten Jahren sollten wir jedoch gelernt haben, wie schwer es ist, eine Gesellschaft zu transformieren. Als die USA die Demokratie in den Irak exportieren wollte, endete das in einem massiven Desaster. Die Chinesen haben einen anderen Standpunkt, der vereinfacht lautet: Nur wir Chinesen können Chinesen sein. Ihr sucht euer System aus, und wir tun das für uns. Wenn man jedoch China kritisiert, dann reagieren sie sehr sensibel. Es gibt in der Realpolitik keinen gütigen Hegemon. Jeder mächtige Staat verfolgt seine Interessen an erster Stelle. Jetzt, da China stärker wird, wird es auch durchsetzungsfähiger. Das ist schlicht die Realität.

Welche Rolle sollte Europa einnehmen?

Europa hat derzeit eine große Chance, sich als geopolitischer Player für die Welt von morgen zu positionieren: Denn während der Konflikt zwischen China und den USA eskaliert, braucht die internationale Gemeinschaft eine Gegenkraft, die stark genug ist, zwischen beiden Weltmächten zu vermitteln. Gleichzeitig ist Europa jedoch sehr ehrerbietig gegenüber den USA. Zu Zeiten des Kalten Krieges hat das noch Sinn gemacht. In der heutigen Welt jedoch sind die geopolitischen Interessen nicht mehr dieselben.

Sondern?

Die größte Herausforderung für Europa kommt von der Bevölkerungsexplosion in Afrika! Im europäischen Interesse ist es, die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas zu fördern. Schließlich gehen Populismus und Rechtsextremismus auf die Migration zurück. Und der heute größte Investor in Afrika ist China. Wenn China Afrika entwickelt, ist das ein Geschenk an Europa.

Kommen wir zurück auf die USA-China-Beziehungen: Viele Drohungen Trumps sind wohl der anstehenden Präsidentschaftswahl geschuldet. Wird der Konflikt auch darüber hinaus weiter eskalieren?

Leider denke ich, dass die Beziehungen weiter schlechter werden. Das hängt mit tiefen, »
© Südwest Presse 22.05.2020 07:45
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Kommentare

dodeti77-gt

Der Artikel wäre noch interessanter, wenn er komplett angezeigt würde

In my humble opinion

dodeti77-gt schrieb am 22.05.2020 um 13:19

Der Artikel wäre noch interessanter, wenn er komplett angezeigt würde

Ja, die Umsetzung der Papierausgabe in 'Online' lässt manchmal arg zu wünschen übrig, daran kann man halt sehen, dass 'digital' noch Neuland ist.

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