Zoologische Sammlung Uni Tübingen

Wie Molly nach Tübingen kam

Das Skelett der berühmten Elefantendame, die 2011 in der Wilhelma starb, hilft nun Wissenschaftlern bei der Suche nach Mammuts.
  • Präparator Angel Blanco-Lapaz mit einem Schienbein der Wilhelma-Elefantin Molly. Auf dem Tisch liegt ein Teil des Vorderbeins, der Unterarm. Foto: Raimund Weible
Diese Frage bekommt Angel Blanco-Lapaz häufig gestellt: „Wo ist Molly?“ Blanco-Lapaz, studierter Geologe und Paläontologe aus Barcelona und Dozent für Osteologie (Knochenkunde), weiß wie kaum ein zweiter, wo Molly, die berühmte Wilhelma-Elefantin, nach ihrem Tod hingekommen ist.

Blanco-Lapaz (40) führt den Besucher in das Untergeschoss der ehemaligen Tübinger Universitäts-Kinderklinik, in der seit einigen Jahren die naturwissenschaftliche Archäologie untergebracht ist. Er schließt Raum 220 auf, der mit Regalen gefüllt ist: ein Teil der universitären Sammlung für Archäozoologie und Archäobotanik, die Blanco-Lapaz betreut. An der Wand hängen Schädel von Steinbock, Hirsch, Rind und Moschusochse, auf dem Tisch darunter liegen mächtige Knochenteile. Sie zu identifizieren, fällt Blanco-Lapaz leicht: Vorne der Unterarm und das Schienbein, dahinter ein Stück Schulter und eine Rippe.

Alles von Molly, die der Wilhelma-Veterinär 2011 wegen eines unheilbaren Fußleidens eingeschläfert hat. Aber Blanco-Lapaz hat noch mehr zu zeigen. Im Raum gegenüber mit der Nummer 222 lagert auf dem Tisch der in zwei Teile zerlegte mächtige Schädel von Molly, außerdem der Unterkiefer. „Man sieht, dass sie eine alte Dame war“, sagt Blanco-Lapaz und deutet auf die abgeschliffenen Zähne der Elefantin. Als sie 2011 das Zeitliche segnete, war sie 45 Jahre alt, respektabel für einen Elefanten.

In Kunststoffkisten sind kleinere Knochen der Elefantin verwahrt. Vom ganzen Skelett fehlen nur zwei Füße. Sie sind bei einem Berliner Wissenschaftler zur Untersuchung. Dozentin Susanne Münzel vom Arbeitsbereich Archäozoologie hofft, dass sie bald nach Tübingen kommen.

Wie Molly in den Keller der ehemaligen Kinderklinik kam, ist eine spannende Geschichte. Die engen Beziehungen zwischen der Wilhelma-Leitung und den Tübinger Archäozoologen waren die Voraussetzung dafür. Als die Veterinäre des Zoos beschlossen, dem Leiden des Publikumslieblings ein Ende zu bereiten, informierten sie die Tübinger Wissenschaftler, da sie von deren Interesse an einem Elefanten wussten. Ein Elefantenskelett – das fehlte den Forschern noch.

Im Schlossgraben verbuddelt

Am 13. Juli 2011, als Molly entschlief, fuhr Susanne Münzel mit fast einem Dutzend Studenten nach Stuttgart. Eine einmalige Gelegenheit für die angehenden Wissenschaftler. Zusammen mit Münzel und einem Tierpfleger zerlegten sie den Kadaver und trennten das Fleisch, die Häute und die Sehnen von den Knochen. Mit einem Transporter brachten sie die Knochen nach Tübingen. Doch für den ganzen Elefanten war kein Platz in den drei Tiefkühltruhen des Instituts. Deshalb beschlossen die Archäologen, die großen Teile im Hasengraben des Schlosses Hohentübingen zu begraben und die vollständige Trennung von Fett und Fasern und anderen Weichteilen von den Bodenorganismen erledigen zu lassen. Mazeration nennen die Wissenschaftler diese Methode. „Begraben ist keine schlechte Lösung. Für uns war das ein normaler Vorgang“, sagt Professor Nicholas Conard, Leiter Abteilung Ältere Urgeschichte und Quartärökologie.

Eile war geboten, weil die Knochen in der Sommerhitze rasch anfangen zu riechen. So versäumten die Wissenschaftler, eine Ausnahmegenehmigung für die Bestattung eines Tierkörpers beim Kreisveterinäramt und eine denkmalschutzrechtliche Genehmigung für den Eingriff in den geschützten Boden am Schloss bei der Stadt einzuholen. Außerdem war die Grube nicht tief genug. Als die Sache buchstäblich ruchbar wurde, gab es eine große Aufregung an der Universität. An einem Runden Tisch mit den Behördenvertretern wurde die Bestattung nachträglich legitimiert.

Drei Jahre später gruben die Archäozoologen die Knochen wieder aus und reinigten sie. Blanco-Lapaz ist mit dem Ergebnis zufrieden. Von der Erde haben die Knochen eine braune Farbe angenommen, doch das stört den Präparator nicht.

So ist die Tübinger Sammlung um ein wichtiges Stück reicher. Sinn der Sammlung ist, eindeutig bestimmte Skelettteile von Tieren vorzuhalten, um durch Vergleichen archäologische Knochenfunde zu identifizieren. Bei ihren Grabungen in den Albhöhlen, etwa am Hohle Fels und im Geißenklösterle, stoßen die Forscher häufig auf Reste ausgestorbener Mammuts. Ihre Knochen sind jedoch leicht mit den Knochen des einst ebenfalls im Südwesten heimischen Wollnashorns zu verwechseln. Ein asiatischer Elefant wie Molly ähnelt einem Mammut sehr. Deshalb war es den Archäozoologen so wichtig, den Zooelefanten für die Sammlung zu bekommen.

Aber es geht nicht nur um das sichere Identifizieren von Funden. Aus der chemischen Zusammensetzung dieser identifizierten Mammutknochen leiten die naturwissenschaftlichen Archäologen die Klima- und Ernährungsbedingungen der hiesigen Mammuts ab. Susanne Münzel hat schon drei Workshops veranstaltet, die um Mollys Knochen kreisten. So erlernten die Studenten unter ihrer Anleitung das Zerlegen der Elefantenrippen mit steinzeitlichen Werkzeugen und die Fellbearbeitung mit angeschärften Rippen.
© Südwest Presse 22.05.2020 07:45
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