Källenius im Krisenmodus

Für den Vorstandschef hätte das erste Jahr kaum schwieriger laufen können. Experten stellen ihm dennoch ein gutes Zwischenzeugnis aus.
  • Daimler-Chef Ola Källenius bei der Bilanzpressekonferenz im Februar: Die Spielräume werden kleiner. Foto: Marijan Murat/dpa Foto: Marijan Murat
Bei seinen Auftritten kommt Daimler-Chef Ola Källenius häufig locker rüber. Seit genau einem Jahr führt der gebürtige Schwede den Stuttgarter Daimler-Konzern. Ob er in lockerem Gesprächsstil Journalisten über Neuigkeiten informiert oder sich mit der englischen Bloggerin „Supercar Blondi“ auf ein Spiel einlässt und anhand der Felgen die Mercedes-Modelle errät: Sein Auftreten lässt ihn unkompliziert und umgänglich erscheinen.

„Ola Källenius ist ein Sympathieträger, er ist dialogorientiert und er moderiert – das tut dem Konzern sowohl in der Außenwirkung als auch unternehmensintern gut“, beschreibt ihn Stefan Reindl, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft und Professor an der Hochschule Nürtingen-Geislingen.

Schnell in der Umsetzung

Doch von seinen angenehmen Umgangsformen und seiner zurückhaltenden Art sollte man sich nicht täuschen lassen. Er gilt als stets exzellent vorbereitet, entscheidungs- und entschlussfreudig. „Er übersetzt harte Fakten unmittelbar und schnell in neue Strategien und Maßnahmen – auch in unbequeme, wenn es beispielsweise um Konsequenzen bei der Beschäftigung geht“, sagt Reindl. Das stoße im Konzern nicht immer auf Gegenliebe. „Dennoch ist dies nötig, wenn Daimler die Fehler der Vergangenheit – mit einer häufig zögerlichen Umsetzung notwendiger Veränderungen – nicht wiederholen möchte“, betont Reindl.

Seit dem 22. Mai 2019 ist der 50-Jährige für den Konzern und dessen 300 000 Mitarbeiter verantwortlich. Sein Vorgänger Dieter Zetsche hat ihm ein profitables Haus hinterlassen. Und eine Struktur, die es leichter macht, Kooperationen einzugehen – vor allem mit Blick auf die immensen Investitionen bei den Themen E-Mobilität, Vernetzung, autonomes Fahren. Die drei rechtlich selbstständigen Einheiten Mercedes-Benz, das Lkw-Geschäft und das Thema Mobilität bilden die Basis für die Zukunft.

„Hollywood sieht anders aus“

Doch Källenius hat etliche Großbaustellen. Hinzu kommt das schlechte Abschneiden im ersten Quartal. Der Daimler-Gewinn sackte um 80 Prozent ab, von 2,8 Mrd. EUR auf 617 Mio. EUR. Die früheren Jahresziele sind nicht mehr zu halten. Daimler will zudem beim Personal 1,4 Mrd. EUR sparen.

Källenius habe das Steuer in einer denkbar schwierigen Zeit übernommen, sagt Daimler-Gesamtbetriebsratschef Michael Klemm. „Aufräumarbeiten beim Diesel, Donald Trumps Zollkriege, die erhebliche Schäden in der deutschen Autoindustrie angerichtet haben, hohe Verluste im Transportergeschäft“, analysiert Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Instituts für Center Automotive Research (Duisburg): „Und jetzt noch Corona. Hollywood sieht anders aus.“

Nach seiner Beobachtung hat der Daimler-Chef im ersten Jahr viele richtige Entscheidungen getroffen. Das reicht vom Sparprogramm, um die zu hohen Kosten in den Griff zu bekommen, über die enge Verzahnung von Produktion und Entwicklung bis hin zur Schaffung von Plattformen für die E-Mobilität. Källenius arbeite systematisch, sei rational geprägt und meistere die Krise mit kühlem Kopf. „Aber es braucht mehr Speed“, mahnt Dudenhöffer.

In der Übergangszeit könne es daher bei Daimler knirschen. Der VW-Konzern sei beim Übergang zum Elektroauto am konsequentesten. „Aber die guten Tage von Daimler kommen in zwei oder drei Jahren. Das gilt auch für das Elektroauto“, sagt der Chef des CAR-Instituts

Nach Einschätzung von Stefan Reindl muss Daimler vor allem bei der Elektrifizierung des Modellprogramms Gas geben. Vom kommenden Jahr an darf die Neuwagenflotte jedes Herstellers in Europa nicht mehr als 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. Ansonsten drohen hohe Strafen. Zudem seien im batterieelektrischen Bereich bisher lediglich der EQC sowie der Elektro-Smart sichtbar. Um die Sichtbarkeit von E-Autos auf den Straßen zu erhöhen, müsse Daimler zügig auch Kompaktfahrzeuge ins Angebot nehmen. Diese hätten zwar eine geringere Gewinnspanne, eigneten sich aber vom Nutzerprofil besser, weil sie häufiger auf Kurzstrecken eingesetzt werden.

Die beiden Experten attestieren Daimler zwar eine hohe Kapitalkraft. Doch Reindl sieht eine Gefahr für den Konzern. Weder die Absatzmärkte noch die Wertschöpfungsstrukturen bzw. Lieferketten seien intakt. Dadurch komme es zu tiefen Einschnitten. „Die Krise wird nicht nur zu gravierenden Einbrüchen bei der finanziellen Situation des Unternehmens führen, sondern auch bei notwendigen Forschungs- und Entwicklungsaufgaben.“
© Südwest Presse 22.05.2020 07:45
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