„In den Charakter der Lieder schlüpfen“

Film- und Fernsehstar Jasmin Tabatabai überzeugt auf ihrem jüngsten Album „Jagd auf Rehe“ als Sängerin im jazzigen Chanson-Format.
  • Die Schauspielerin und Sängerin Jasmin Tabatabei Foto: Mathias Bothor
Die Schauspielerin Jasmin Tabatabai sucht aktuell im ZDF als Kommissarin regelmäßig letzte Spuren in Berlin. Auch als Sängerin weiß die 52-Jährige, die ihr Gesangsdebüt höchst erfolgreich im Kino als Rockröhre im Blockbuster „Bandits“ gab, zu überzeugen. Inzwischen zudem als Jazzsängerin im gemeinsamen Projekt mit dem Saxofonisten und Komponisten David Klein, mit dem sie nun das dritte Album „Jagd auf Rehe“ auf die Reise schickt.

Gab es einen Masterplan für das nun dritte Album?

Jasmin Tabatabai : Es gab einige Lieder, die uns während unserer Konzert-Phasen in der Vergangenheit zugeflogen waren, aber da war auch der Anspruch, musikalisch ein neues Level zu erreichen. Vor allem geht es aber um Musik, die zu einem passt. Es gibt diese Balladen, die berühren wollen, es soll swingen, dann sind da aber auch Stücke, in denen ich mein schauspielerisches Wesen und meine Entertainment-Qualitäten ausleben kann.

Was zeichnet die musikalische Zusammenarbeit mit David Klein aus?

Es ist alles sehr unkompliziert und leicht. David und ich wie auch die Musiker der Band und die Solisten sind nach all den Jahren sehr eingespielt. Ich spüre beim Hören, dass da Menschen gemeinsam im Studio waren, die sich sehr lange kennen und schätzen. Und ich darf mich allein auf den Gesang konzentrieren, was ich sehr genieße. Ich kann in den Charakter der Lieder schlüpfen, einen ganz eigenen Ansatz finden.

Sie beginnen das Album mutig mit dem romantischen, von Schubert bekannten „Ständchen“. Ihre Stimme klingt hier wie auch im Verlauf des Albums niemals affektiert, nimmt sich nicht zu wichtig, liegt tief im Kern der Musik und berührt.

Die schwierigste Entscheidung war tatsächlich die, welches Stück wir an den Anfang setzen. David war es am Ende, der sagte: Wir nehmen einfach das Ständchen, dann ist klar, wohin die Reise geht. Ein klares Statement. Punkt. Und so ist es: genau richtig.

Wie verändert sich die Stimme mit den Klangfarben der vier unterschiedlichen Sprachen, die Sie auf dem Album nutzen?

Es verändern sich nicht nur die Klangfarben, die ganze emotionale Welt ist eine andere. Die vier Sprachen spreche ich ja auch, und sie sind für mich jeweils eine eigene Welt. Die persische Sprache hat beispielsweise kein Geschlecht. Deshalb ist alles immer ein wenig mysteriös, wie so vieles in einer Kultur, in der nicht alles ausgesprochen werden kann. „Jagd auf Rehe“, das Titelstück, ist ein Liebeslied, das einen riesigen Raum für Assoziationen öffnet, viele Interpretationen zulässt. Und Persisch weckt in mir wie keine andere Sprache natürlich Erinnerungen und Emotionen, die ich im Iran mit all diesen wunderbaren Menschen meiner Kindheit erleben durfte. Nun sehe ich diese tiefe Traurigkeit, die über dem ganzen Land liegt.

Was schätzen Sie an Deutsch, Ihrer sprachlich zweiten Heimat, wie auch an Englisch und Französisch?

An Deutsch die Präzision, die Tiefe, die Emotion, aber auch einen Wortwitz wie den von Reinhard Mey, der nur in dieser Sprache funktioniert. Englisch hat diesen Drang zur Vereinfachung. Ein Wort wie Dunstabzugshaube würde jeden US-Amerikaner überfordern, aber für Popmusik ist die Sprache ideal. Einfaches klingt hier nicht ganz so banal. Und Französisch ist so wunderschön, weich, lautmalerisch und poetisch.

Wie kam es zur ausgeprägten Cole Porter-Liebe auf diesem Album?

Es sind fantastische Lieder. Und natürlich ist das eine Verbeugung vor der brillanten und herausragenden Hildegard Knef, die viele der Porter-Stücke auf Deutsch bekanntgemacht hat – ein Liedgut, das man unbedingt pflegen und weitertragen muss. Für mich sind diese Lieder gesanglich übrigens die größte Herausforderung. Die Melodien sind unglaublich anspruchsvoll und sehr raffiniert. Ich bin ja musikalische Autodidaktin, singe also nur nach Gehör. Ich habe natürlich die Knef gehört, die alles immer sehr bewusst verschleift, mich aber vor allem an der melodisch sehr präzisen Ella Fitzgerald orientiert, um eine Richtschnur zu haben.

Ein richtiger Volltreffer in Corona-Zeiten ist Ihre Version von „Männer im Baumarkt“ von Reinhard Mey.

David und ich verehren Reinhard Mey sehr. Er ist ohne Frage einer der größten Liedermacher, die wir haben. Seine Tourneen sind innerhalb von drei Stunden ausverkauft, und die Fans hängen an seinen Lippen. Er freut sich glücklicherweise darüber, dass wir ihn regelmäßig covern.

Wie lange überlegt man, ob man „Hey Jude“ erneut zum Hörerlebnis machen soll?

Was mir am Jazz so gut gefällt: Da gibt es nicht so viele Musiker-Polizisten und Leute, die sagen, das darf man nicht. Musik darf alles. Und eine Cover-Version, auch eine der Beatles, ist ja eine Verbeugung vor den Komponisten.

Mit „Zeit für Lyrik“ haben Sie einen Slam-Text von Sebastian 23 zum Song gemacht.

Ich war Gast in einer Talk-Show, in der Sebastian diesen Text vortrug. Wir hatten sofort den Impuls, dass aus diesem Text ein Song werden muss. Er besticht durch einen Wortwitz, wie man ihn von Chansons der 20er und 30er Jahre kennt.

Eine Entdeckung ist auch das Lied „Schlafen gehen“.

Das hat David auf einer Kinder-CD entdeckt, und es stammt vom österreichischen Schauspieler und Schriftsteller Martin Auer, der auch mehrere Romane und Kinderbücher veröffentlicht hat. Wir spielen das Lied bereits eine ganze Weile live, und die Leute rasten völlig aus.

Müssen Sie sich die Zeit für die Musik, wenn nicht gerade Corona-Ausnahmezustand herrscht, neben Film und TV abknapsen?

Das Zeitmanagement ist mit drei Kindern und zwei Berufen schon sehr anspruchsvoll. Wir spielen seit neun Jahren so oft es geht überall in der Republik. Mit diesen Musikern musst du ja nicht proben. Man trifft sich und macht Musik. Und ganz ähnlich ist es mit den Studioaufnahmen. Man trifft sich, nimmt auf, und alles klingt yeah.
© Südwest Presse 23.05.2020 07:45
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