Federico Temperini

Im Taxi mit dem Teufelsgeiger

Theres Essmann erzählt die Geschichte einer Annäherung – und erweckt Niccolò Paganini wieder zum Leben.
  • Federico Temperini. Novelle. Klöpfer, Narr. 164 Seiten. 18 Euro. Theres Essmann: Foto: Cover: Klöpfer, Narr
Ein abgebrochenes Studium, eine gescheiterte Ehe, ein Sohn, der sich zunehmend distanziert: Sein Leben hatte sich Jürgen Krause eigentlich anders vorgestellt. Doch eines Morgens erhält der Kölner Taxifahrer einen Anruf, der ihn aus seinem Alltagstrott herausreißt. Es ist der mysteriöse Federico Temperini. Der hagere, alte Herr im schwarzen Anzug heuert Krause als Chauffeur an.

Leise und behutsam erzählt Theres Essmann in ihrer Novelle die Geschichte zweier ganz unterschiedlicher Männer, die sich auf den gemeinsamen Fahrten immer mehr annähern. Im Taxi stets dabei: der Komponist Niccolò Paganini, der im 19. Jahrhundert als so genannter Teufelsgeiger in die Geschichte einging. Nach und nach erfahren sowohl Taxifahrer als auch Leser mehr über den italienischen Virtuosen, seine großartige Vergangenheit und auch sein trauriges Ende. Und sie erfahren mehr über Federico Temperini. Was hat es mit dessen gelähmter Hand auf sich? Woher stammt seine Faszination für die Musik des Geigengenies? Und welches persönliche Geheimnis verbirgt er selbst?

Vergänglichkeit und Verlust

Theres Essmann lebt in Köln und Stuttgart. 2018 erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg. Die Novelle „Federico Temperini“ ist ihr Erzähldebüt, das vor allem durch seine klare und schnörkellose Sprache überzeugt. Wenn Ich-Erzähler Krause abends sein kühles Bier trinkt, sich mit den Kumpels in der griechischen Stamm-Taverne trifft oder eine Sonate mit einer Akrobatiknummer im Zirkus vergleicht, dann mag das manchmal etwas klischeebeladen wirken. Vielleicht ist es aber auch gerade diese zur Schau gestellte Naivität, die den Protagonisten so sympathisch und das Buch bis hin zum gefühlvollen Ende so authentisch machen.

Mit „Federico Temperini“ ist der Autorin Theres Essmann eine berührende Novelle über Vergänglichkeit und Verlust gelungen. Empfehlenswert ist die Erzählung für Liebhaber klassischer Musik – aber auch für diejenigen, die (noch) nichts mit Oktav-Passagen, Kadenzen und Notationen anfangen können. Der einstige Teufelsgeiger wird den Leser auch nach der Lektüre dieses Buches erst einmal nicht loslassen. Denn auch der Taxifahrer Jürgen Krause muss erkennen: „Paganini nimmt einen mit, ob du es willst oder nicht.“ Katrin Stahl
© Südwest Presse 23.05.2020 07:45
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