Gerichtsvollzieher während Corona

„Bei der Hälfte wird das Kartenhaus zusammenfallen“

Corona verändert die Arbeit der Branche. Viele Schuldner werden ihre Raten nicht zahlen können, sagt Verbandschef Karlheinz Brunner.
  • Ein Pfandsiegel, umgangssprachlich „Kuckuck“ genannt. Sobald ein Gegenstand damit versehen ist, darf der Schuldner nicht mehr über ihn verfügen. Foto: Arne Dedert/dpa
  • Gerichtsvollzieher Karlheinz Brunner. Foto: privat
Wenn Karlheinz Brunner an der Türe klingelt, freut sich in der Regel niemand. Das hat mit seinem Beruf zu tun. Der 62-Jährige arbeitet als Gerichtsvollzieher und ist Bundesvorsitzender des Deutschen Gerichtsvollzieher Bunds (DGVB). Die gesamte Branche versucht, Hausbesuche während der Corona-Pandemie so weit es geht zu minimieren. Ganz ohne geht es allerdings nicht. Die Belastung für beide Seiten sei darum enorm, sagt Brunner.

Das ist sie schon in normalen Zeiten. Schließlich greifen Gerichtsvollzieher in zutiefst persönliche Bereiche der Menschen ein, wenn sie einstweilige Verfügungen vollziehen. Dazu zählen auch Platzverweise bei häuslicher Gewalt, die Zustellung von Lohnpfändungen sowie Zwangsräumungen. Am Belastendsten sei es, wenn er Kinder aus ihrer Familie holen muss. „Die Kindeswegnahme kann in einer Pandemie-Zeit nicht ausgesetzt werden.“

Klar ist für Brunner, dass die Gerichtsvollzieher die Wohnungen der Schuldner nur mit Mundschutz betreten. Bei der zentralen Beschaffung der Masken und Schutzanzüge gab es allerdings, wie vielerorts, Probleme. Der Verbandschef spricht von einem „Drama ohne Ende“. Zumal es logischerweise auch unter den Gerichtsvollziehern Menschen aus der Risikogruppe gibt – Brunner selbst gehört mit seinen 62 Jahren dazu, auch wenn er sich „topfit“ fühlt. Im April fand der Außendienst nur in Notsituationen statt, seit Mai nähern sich Brunner und seine Kollegen wieder dem normalen Arbeitsalltag an.

„Ich habe Fieber“

Manche Schuldner versuchen, von der Krise zu profitieren. Brunner erzählt von einem Telefonat mit einer Frau, die zwei Stunden vor dem Räumungstermin eine Verlegung erreichen wollte. Sie habe eine andere Wohnung gefunden, brauche aber Zeit. Laut Brunner kommen solche Anrufe häufig am Räumungstag. Da die Spedition bereits bestellt war, habe er dieser Bitte nicht nachkommen können. Am Schluss des Telefonats sagte die Frau dann: „Ich habe Fieber“, erzählt Brunner.

Das macht die Situation heikel. Bei Räumungen sind mehrere Beteiligte vor Ort, immer auch die Obdachlosenbehörde, für den Fall dass der Schuldner keine andere Bleibe hat. Aber der Gerichtsvollzieher muss als erstes in die Wohnung und bewerten, ob eine Person krank ist oder simuliert. „Da nimmt mir kein Gesetz oder Richter etwas ab“, sagt Brunner. Letztlich sei diese Situation gut ausgegangen, die Frau habe freiwillig ihre Koffer gepackt.

Im Moment ist es Teil von Brunners Job, die aktuellen Corona-Statistiken rund um seinen Heidelberger Bezirk zu kennen. Längst nicht alle Schuldner, die anrufen und sagen, sie hätten Corona, seien auch tatsächlich erkrankt.

Zu eng kalkuliert

Große Sorgen macht sich Brunner um die Schuldner aus der Gastronomie, aber, wie er betont, nicht nur um diese. Auch der Facharbeiter mit gutem Gehalt könne durch Kurzarbeit schnell in Schwierigkeiten geraten, weil oft so kalkuliert wird, dass es gerade so reiche.

Vor der Krise hat er gute Erfahrungen mit Ratenzahlungen gemacht und setzte dieses Instrument gerne ein. Vor kurzem aber hat sich Brunner seine Schuldner angeschaut, die im Moment Stück für Stück ihre Verbindlichkeiten abbauen: „Ich habe 200 Ratenzahler. Bei 50 Prozent weiß ich genau, da wird das Kartenhaus zusammenfallen.“

Brunner blickt auf seine Erfahrungen aus der Finanzkrise 2008 zurück. „Ein Gerichtsvollzieher merkt die Krise zeitversetzt.“ Brunners Prognose: 2021, spätestens 2022 werde seine Branche deutlich mehr Arbeit bekommen.

Als Verbandschef hat er einen kurzfristigen und einen mittelfristigen Wunsch an die Politik: zunächst einmal müsse es für die Branche eine Gefährdungsanalyse geben. Die aktuellen Schutzmaßnahmen haben sich die Gerichtsvollzieher selbst gegeben, offizielle Richtlinien fehlen. Außerdem sollten Ratenzahlungen länger als ein Jahr möglich sein, was bisher das Maximum ist.
© Südwest Presse 23.05.2020 07:45
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