Reisetipps in der Corona-Krise

Neue Wege im Bekannten

Wenn Reiseblogger nicht Reisen dürfen: Drei erfolgreiche Blogger sprechen über ihre „neue Realität“ ohne Auslandsreisen, über Alternativen und Chancen.
  • Katrin Lehr hat den Reiseblog „Viel unterwegs“. Foto: privat
  • Patrick Muntzingers Blog: „German Backpacker“. Foto: privat
  • Susanne Maier schreibt auf ihrem Reiseblog „Black Dots White Spots“ viel über Deutschland, Baden-Württemberg und die Region. Hier wandert sie an den Wasserfällen in Bad Urach. Foto: Susi Maier, blackdotswhitespots.com
Ihre Arbeit steht und fällt mit den Geschichten, die sie erleben und erzählen, mit bunten Fotografien aus aller Welt. Mit dem Coronavirus sind große Reisen nahezu unmöglich geworden. Reisebloggern fehlt quasi der Inhalt ihrer Arbeit, ihrer Geschichten und Berichte, die Grundlage ihrer Tipps.

„Viel unterwegs“ – der Name des Reiseblogs von Katrin Lehr ist in Corona-Zeiten nicht gerade Programm. Sie sitzt mit einem Kaffee zu Hause in Heilbronn. Eigentlich wäre sie seit Montag in Frankreich, wegen der Reisebeschränkungen musste sie ihre Pläne ändern. Kenia, Polen, vielleicht die Antarktis wären dieses Jahr Ziele gewesen, erzählt sie.

Auf Soforthilfe angewiesen

Vor vier Jahren hat Lehr ihren Agenturjob gekündigt und ist hauptberuflich Bloggerin geworden. Auf „Viel unterwegs“ schreibt sie, postet Bilder und gibt Tipps für Ausflüge und Restaurants. Über 25 000 Menschen folgen ihr im Netz auf der Plattform Instagram. Jetzt geht es der 42-Jährigen wie vielen Selbstständigen in Deutschland. Ihr Einkommen ist weggebrochen, sie hat Soforthilfe bekommen. Geld verdiene sie primär durch Kooperationen mit Tourismus-Destinationen, also mit Beiträgen für Länder, Regionen und Städte – „die Aufträge fehlen jetzt.“ Kurz vor dem Lockdown habe sie ihr Erspartes in einen Campervan investiert, erzählt Lehr. „Schlechter Zeitpunkt, aber damit kann ich theoretisch morgen meine Sachen packen und losfahren.“ Flugreisen wolle sie dadurch weiter reduzieren.

Die Aufrufe ihres Blogs seien zwar wichtig für die Vermarktung, aber keine Haupteinnahmequelle. Trotzdem, die Klickzahlen seien um 90 Prozent eingebrochen. Allerdings gehe es langsam wieder bergauf, je mehr von der Regierung erlaubt werde, desto optimistischer seien die Leute. Lehr sieht auch das Positive in der Krise. Dieses Jahr habe sie ohnehin vorgehabt, viel in Deutschland zu reisen, an die Ostsee, den Bodensee oder in den Schwarzwald. „Manchmal reicht es auch, im Wald einmal anders abzubiegen, um einen neuen Weg zu finden, vielleicht ein Abenteuer.“ Die Corona-Krise sei eine Chance, die Heimat neu zu entdecken. Andererseits fügt sie hinzu: „Der Tourismus ist für viele Länder wichtig. In Afrika beispielsweise gegen den Hunger, gegen Wilderer, für die Versorgung.“

Katrin Lehr hat sich für die Zukunft auch vorgenommen, langsamer zu reisen, mal einen Tag nicht weiterzufahren, sondern zu arbeiten. „Man muss nicht jeden Tag etwas erleben.“

Den Job kündigen, auf Reisen gehen, sich selbständig machen – bei Patrick Muntzinger war es genau umgekehrt. Der Autor des Blogs „German Backpacker“ ist während und nach seinem BWL-Studium viel durch die Welt gereist. Er hatte die vergangenen zwei Jahre keinen festen Wohnsitz, war hauptberuflich Blogger und möchte nun wieder bei Crailsheim sesshaft werden. „Das war schon vor Corona der Plan“, sagt er, berichtet jedoch auch vom Rückgang der Klickzahlen. Der Umsatz durch Werbung sei komplett weggebrochen. Finanzielle Probleme hat der 27-Jährige dadurch nach eigener Aussage allerdings keine, da er nun bei seinen Eltern wohnt. Er habe Glück gehabt: Als die Grenzen geschlossen wurden, sei er gerade in Deutschland gewesen – vorerst wolle er bleiben.

Ab Herbst werde er in einem Unternehmen arbeiten, nebenbei weiter auf dem Blog schreiben. „Für jemanden, der überall auf der Welt zu Hause war, ist Quarantäne besonders hart“, sagt er. „Aber man realisiert auch, wie privilegiert man ist.“ Von den letzten Reisen habe er genug Stoff für Blog-Beiträge, für die er vorher keine Zeit gehabt habe.

„Ich könnte das ganze Jahr nicht reisen und trotzdem über Reisen bloggen“, sagt auch Susanne Maier. Genug Inhalt habe sie für ihren Blog „Black Dots White Spots“ gesammelt. Jetzt gibt die 41-Jährige auch Tipps zum Umgang mit Corona, beispielsweise für das Homeoffice. Damit wolle sie zeigen, dass sie auch zu Hause in Stuttgart bleibe, „dass die Situation ernst ist“. Der Lockdown Mitte März sei ein Schock gewesen. „Ich dachte, mein Beruf ist weg“, sagt Maier. Fast alle Aufträge von Destinationen seien weggefallen. Finanziell retten könne sie sich durch ihre Selbstständigkeit als Social-Media-Beraterin und Online-Redakteurin, erzählt sie.

Fokus verschiebt sich

Auf „Black Dots White Spots“ ist erkennbar, dass sich der Fokus der Stuttgarterin auf Ziele in Deutschland und Europa verschiebt, besonders Baden-Württemberg. Schon lange versuche sie ihren Lesern zu zeigen, dass man nicht weit reisen müsse, um etwas zu erleben. Die Krise sieht Maier als „Chance für einen Neustart in der Tourismus-Branche“, um weg vom Massentourismus zu kommen, nachhaltiger, bewusster zu reisen – und daher vor allem regionaler.
© Südwest Presse 25.05.2020 07:45
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