Profis fordern „Justice for George“

Gladbachs Marcus Thuram, Dortmunds Jadon Sancho und andere Spieler protestieren auf dem Rasen gegen Rassismus und Polizeigewalt.
  • Eindrucksvolle Geste gegen rassistische Gewalt: Mönchengladbachs französischer Stürmer Marcus Thuram kniet nach seinem Tor zum 2:0 gegen Union auf dem Rasen. Foto: Martin Meissner/AP Pool/dpa
  • BVB-Stürmer Jadon Sancho hat seine Botschaft auf sein Shirt geschrieben. Foto: dpa
Tor-Doppelpack, ein Kniefall und rührende Gesten – auf dem angestrebten Weg zum europäischen Top-Stürmer hat Weltmeister-Sohn Marcus Thuram an Pfingsten an Kontur gewonnen. Mit seinem stummen Protest gegen Rassismus und in Erinnerung an den bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis gestorbenen Afroamerikaner George Floyd sorgte der 22 Jahre alte Franzose für eines der Bilder des Spieltages. Nach seinem ersten von zwei Toren beim 4:1 (2:0) gegen Union Berlin sank der Franzose auf das linke Knie und blickte zu Boden.

Seinen Wert für die Mannschaft zeigte er am Sonntag zudem nicht nur mit seinen Treffern (41. Minute/59.). „Es überrascht mich überhaupt nicht, dass er derjenige ist, der voran geht, weil es einfach ein richtig guter Junge ist“, sagte Borussen-Coach Marco Rose über seinen Torjäger. Der Spross des früheren französischen Weltmeisters Lilian Thuram kam vor der Saison aus Guingamp und schoss sich sogleich in die Herzen der Fans. Mit zehn Saisontoren und acht Torvorlagen hat der Angreifer großen Anteil an der erneuten Europapokal-Teilnahme Gladbachs, an der seit Sonntag praktisch kein Zweifel mehr besteht. Bei fünf noch ausstehenden Spielen beträgt der Vorsprung auf Rang sieben bereits 14 Punkte.

„Keine Erklärung erforderlich“, twitterte die Borussia noch während des Spiels mit einem Bild der Szene, das jeder als stummen Protest gegen Rassismus sogleich verstand. „Wenn man sich öffentlich gegen Rassismus stellt, dann ist das schon sehr in Ordnung“, sagte sein Coach anschließend. Rose begrüßte es ausdrücklich, dass einer seiner aktuell besten Spieler ein politisches Statement setzte und damit dem oft kolportierten Bild vom aalglatten Profi ohne gesellschaftliche Meinung widersprach.

Der DFB ermittelt

Auch Schalkes Weston McKennie, dessen Team Werder Bremen mit 0:1 unterlag, und Borussia Dortmunds Jadon Sancho bekundeten ihre Solidarität für George Floyd. Nach seinem Tor zum 2:0 beim 6:1 beim SC Paderborn zog der jungen Engländer sein Trikot über den Kopf und zeigte ein Shirt mit der Aufschrift „Justice for George Floyd“. Teamkollege Achraf Hakimi, der das 4:1 für Schwarz-Gelb erzielte, trug ebenfalls ein Shirt mit diesem Schriftzug. „Manchmal würde ich mir wünschen, dass die Spieler noch mehr solche Verantwortung übernehmen“, sagte Bayern-Vorstand Oliver Kahn.

Jadon Sancho schickte nach dem Kantersieg in Paderborn seine eindringliche Botschaft ein zweites Mal um die Welt. „Es ist ein bittersüßer Moment für mich, denn es gibt wichtigere Dinge derzeit“, schrieb Sancho bei Twitter und Instagram: „Wir dürfen keine Angst haben, uns für das einzusetzen, was richtig ist.“

Sein Twitter-Profilbild hatte der englische Jungstar, das umgehend zur Nebensache wurde, schon geändert: In „Justice for George Floyd“, jenen schwarzen Schriftzug auf dem gelben Shirt, das er beim Torjubel präsentiert hatte. Die Gelbe Karte dafür nahm er gerne in Kauf.

Auch weil die Bundesliga dieser Tage allein im Sport-Schaufenster steht, verbreitete sich der Aufschrei gegen Rassismus und Polizeigewalt rasch. Zehntausende teilten die Botschaft, Millionen lasen sie, es antworteten unter anderem Frankreichs Weltmeister Kylian Mbappe, die anderen Köpfe der englischen Nationalmannschaft und NBA-Superstar Joel Embiid. In fast allen englischen Zeitungen war Sanchos Foto groß abgedruckt. Der Tod des 46-Jährigen George Floyd infolge eines brutalen Polizei-Einsatzes hat die USA in Aufruhr versetzt. „Wir müssen helfen, einen Wandel einzuleiten. Wir müssen alle zusammenrücken und für Gerechtigkeit kämpfen“, schrieb Sancho: „Gemeinsam sind wir stärker.“

Der DFB prüft nun die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt durch den Kontrollausschuss. „Im Laufe der nächsten Tage“, sagte Kontrollausschuss-Vorsitzender Anton Nachreiner, werde man sich „den Vorkommnissen annehmen und die Sachverhalte entsprechend prüfen“.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) und der DFB erlauben keine politische Botschaften auf der Spielkleidung oder während der Partien. In der Vergangenheit wurde allerdings auch schon ein Auge zugedrückt – zumal die Verbände Kampagnen gegen Rassismus unterstützen. dpa/sid
© Südwest Presse 02.06.2020 07:45
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