Musiker in der Isolation

Michael Rauters „Pixelsinfonie“ nach Beethovens „Pastorale“ war in Ludwigsburg als Performance in einem Hotel geplant, jetzt ist daraus eine Online-Installation geworden.
  • Aus der Online-Installation von Michael Rauter zur „Pixelsinfonie“. Foto: Christina Voigt
  • Aus der Online-Installation von Michael Rauter zur „Pixelsinfonie“. Foto: Christina Voigt
  • Die „Pixelsinfonie“ in Video-Fenstern – einige Bilder aus der Online-Installation von Michael Rauter. Foto: Christina Voigt
  • Aus der Online-Installation von Michael Rauter zur „Pixelsinfonie“. Foto: Christina Voigt
In 30 Hotelzimmern spielen Musikerinnen und Musiker ihren Part für die „Pastorale“ – bei geöffneten Fenstern. Und die Zuhörer stehen auf dem Vorplatz. Ein ganz neues Naturerlebnis, denn der Höhepunkt sind die Klänge, die Ludwig van Beethoven unter dem Eindruck eines aufziehendes Gewitters komponierte. Und das Wetter in Ludwigsburg bei den Schlossfestspielen? Sehr schlecht. In jeder Beziehung. Denn auch diese im Programmbuch angekündigte „Pixelsinfonie“ von Michael Rauter, der in einem szenischen und musikalischen Arrangement neue Perspektiven auf Beethovens 6. Sinfonie entwickeln wollte, ist wegen der Corona-Krise Anfang Mai ins Wasser gefallen.

Schönes Programmbuch

So sind die Schlossfestspiele zunächst mal ein bleibendes grafisches Ereignis – barock, modern: Die Stiftung Buchkunst hat jetzt das „Fest Spiel Buch“ aus Ludwigsburg als eines der 25 schönsten deutschen Bücher 2020 ausgezeichnet. Daniel Wiesmann gestaltete es für die erste Saison des neuen Intendanten Jochen Sandig. „Schloss Fest Spiele“ heißt jetzt das Festival, das in eine neue Ära aufgebrochen ist als „Fest der Künste, der Demokratie und der Nachhaltigkeit“. 17 Buchstaben also, 17 Farben – und 17 Ziele, motiviert von der globalen Agenda der Vereinen Nationen mit 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung.

Das Tragische aber: Wegen Corona ist das Programmbuch nur ein historisches Dokument – denn die Schlossfestspiele mussten fast alle Veranstaltungen mit Publikum absagen oder verschieben.

Und doch: Die „Pixelsinfonie“ ist seit Donnerstagabend und noch bis 28. Juni zu erleben: als Online-Installation. Was mal gedacht war als eine Reflexion darüber, wie Beethoven die Natur mit klanglicher Imagination in seine Gefühlswelt holte, wie er geradezu eine klassisch-ökologische Musik schuf und wie wir heute, im Lärmzeitalter, oft kein Gespür mehr dafür haben (für die Natur wie für die Musik), das ist jetzt ein Kunstwerk über das Leben in der Isolation geworden.

Die Corona-Pandemie fordert den Rückzug der Menschen ins Private. So haben Rauter, die Filmemacherin Christina Voigt und der Programmierer Peter Ulrich ein neues Setting geschaffen: Musiker des Festspielorchesters, des Solistenensembles Kaleidoskop sowie Studierende der Stuttgarter Musikhochschule spielen jetzt nicht mehr live in Hotelzimmern, sondern einzeln in fast kahlen, weiß getünchten Räumen.

Es entsteht ein gemeinsames Klang-Bild: in fünf mal sieben Video-Fenstern. Wobei ein mit „Exit“ beschriftetes Fenster zu einer Live-Cam mit dem rauschenden Redwood Forest River in Kalifornien führt; und in einem anderen Fenster läuft ein filmischer Bilderreigen über die technoide Welt.

Donner und Sturm

Die Musiker sind Gezeichnete, sie performen in weißen, teils mit Farbe „beschmutzten“ Kostümen wie Gefangene, wie Insassen einer psychiatrischen Klinik. Wer nicht gerade spielt, der wartet, meditiert, schläft – voller Sehnsucht nach dem Draußen und nach sozialer Nähe. Das Orchester, also die Gesellschaft, ist in kleinste Einzelteile zergliedert.

Was erwächst daraus? Eine neue Harmonie? Es ist auch eine Versuchsanordnung. Eine Stimme aus dem Off gibt Befehle: „Spielposition 4. Satz, Donner, Sturm“. Michael Rauter hat die „Pastorale“ zerlegt, verfremdet, das Material neutönerisch geweitet, dann pixelt er die Sinfonie auch zusammen: Melodienfetzen, eine Übermalung der Partitur, eine dissonante Auseinandersetzung. Dann auch wieder minutenlange Stille: „Gesicht und Körper entspannen, durch Mund und Nasen atmen.“

So geht das weiter: in der Klangarbeit bis zur Erschöpfung und dann einem langen Ausklingen. Die Uhr läuft von 1:42:43 runter. Am Ende Erleichterung unter den Musikern, ein Lachen, ein Fenster nach dem anderen schließt sich. Rauters „Pixelsinfonie“ ist faszinierende Video-Kunst. Aber wir freuen uns auch wieder auf eine reale „Pastorale“: naturnah, bei jedem Wetter, live im Saal.
© Südwest Presse 20.06.2020 07:45
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