Genozid auf Raten

Interviews mit ehemals internierten Frauen belegen: Peking will Geburten innerhalb der Minderheit der Uiguren verhindern.
Der Vorwurf lautet auf „demografischer Genozid“: Eine Recherche der Nachrichtenagentur AP belegt, mit welch drakonischen Maßnahmen die chinesische Regierung die Geburtenrate der muslimischen Minderheit in Xinjiang drosselt. Hunderttausende, vorwiegend uigurische Frauen der sollen demnach zu Zwangssterilisationen und -abtreibungen gezwungen worden sein. AP hat mehrere Dutzend Interviews geführt, darunter auch mit der mittlerweile nach Kasachstan geflüchtete Gulnar Omirzakh: Nachdem die Frau ihr drittes Kind zur Welt brachte, wurde sie von der Regierung dazu aufgefordert, sich eine Verhütungsspirale einsetzen zu lassen. Zwei Jahre später verlangten vier Militäroffiziere in Uniform zudem, dass die Familie eine Strafe von umgerechnet rund 2500 Euro zahlen müsse. Andernfalls lande sie in einem Internierungslager.

Dass es sich bei Gulnar Omirzakh nicht um ein Einzelschicksal handelt, belegen die Statistiken: Die Geburtenrate in den Regionen Hotan und Kashgar, die hauptsächlich von Uiguren bevölkert sind, brachen zwischen 2015 und 2018 um mehr als 60 Prozent ein. Gleichzeitig ist die Anzahl an Abtreibungen in Xinjiang um das Siebenfache auf 60 000 Eingriffe gestiegen, während sie im restlichen Land deutlich gesunken ist.

Regelmäßige Injektionen

Zwischen den Uiguren und der Kommunistischen Partei herrschten seit jeher krasse Spannungen: Teile der Bevölkerung nehmen die kommunistische Regierung als imperialistische Besetzer wahr, die die rohstoffreiche Region ausbeuten und die Bevölkerung unterjochen. Eine radikale Separatistenbewegung zeichnet zudem für einige der brutalsten Terroranschläge der letzten zwei Dekaden verantwortlich.

Peking hat daraufhin unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung mit einer systematischen Internierungskampagne reagiert, die in ihrem Ausmaß wohl ihresgleichen sucht. Rund eine Million Uiguren hat die Regierung laut Menschenrechtsorganisationen in Lagern eingesperrt. Insassen, die mittlerweile außer Landes leben, berichteten von Folter und politischer Indoktrination. Peking wertet laut eigenen Angaben „Ausbildungszentren“ zur Entradikalisierung als Erfolg: In den letzten drei Jahren sei es zu keinen Terroranschlägen von Uiguren mehr bekommen, heißt es in einer jüngst vom Propagandasender CGTN ausgestrahlten Dokumentation.

Dass es nicht nur um Terrorbekämpfung geht, haben interne Datenleaks nahegelegt: Der Großteil der Internierten sitzt einzig aus dem Grund ein, zu viele Kinder gezeugt zu haben. Die von AP interviewten Frauen berichten, dass sie in den Lagern von Wächtern regelmäßige Injektionen verabreicht bekommen haben, die offenbar zur Verhinderung von Schwangerschaften eingesetzt wurden. Fabian Kretschmer

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© Südwest Presse 30.06.2020 07:45
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