Warum Amazon bereits in Schwäbisch Gmünd ist

Kommentar

Man spürt förmlich, wie sie in Schwäbisch Gmünd ringen. Soll sich Amazon bei Hussenhofen ansiedeln dürfen oder nicht? Die Argumente sind so bunt und vielfältig, wie das Warenangebot des Online-Versandhändlers, der sich bei den Gehältern an der Logistikbranche orientiert. Seit Jahren fordert die Gewerkschaft Verdi tarifliche Regelungen, wie sie im besser entlohnten Einzel- und Versandhandel üblich sind. Doch ist das wirklich ein Argument, ein Unternehmen abzuweisen? Auch in anderen Branchen gibt es regelmäßig Streit um schlechte Bezahlung, gibt es keine Tarifverträge und schwierige Arbeitszeiten. Es ist Aufgabe der Gesellschaft, der Politik und der Gewerkschaften, für gerechtere Bedingungen zu sorgen. Immerhin will ein Unternehmen 128 neue Arbeitsplätze schaffen – kann und will es sich die Stadt wirklich leisten, darauf zu verzichten?

Nun steht gerade Amazon als Symbol für eine veränderte Einkaufswelt. Den Kunden wird das Shoppingerlebnis so einfach wie möglich gemacht, deshalb ist Amazon so erfolgreich. Einer der Hauptvorwürfe gegen Amazon lautet: Mit seiner Marktposition ist Amazon eine Bedrohung für den Einzelhandel in seiner bisherigen Form. Und: Durch seine Marktmacht kann Amazon die Preise diktieren – die Margen für Händler, die um Amazon als Verkaufsplattform kaum noch herumkommen, sinken immer mehr. Amazon steht symbolisch für eine veränderte Einkaufswelt, die nicht nur freundlich ist, wie der angedeutete Smiley im Firmenlogo anzudeuten versucht. Deshalb tun sich die Schwäbisch Gmünder Gemeinderäte bei ihrer Entscheidung auch so schwer. Das ist sehr verständlich.

Doch wie man sich im schier unendlichen Warenangebot von Amazon verlieren kann, so kann dies schnell auch mit den ganzen Argumenten für und gegen eine Ansiedlung von Amazon passieren. Wenn man gegen Flächenverbrauch argumentiert, sollte man grundsätzlich gegen jede Ansiedlung in diesem Gewerbegebiet sein. Wenn man gegen die Tariflosigkeit von Amazon argumentiert, sollte man in Zukunft jedes Unternehmen nach diesen Gesichtspunkten beurteilen. Wenn ein Unternehmen eine Gefahr für andere Geschäfte darstellt … was dann?

Die Angst vor dem Unbekannten ist menschlich. Und natürlich könnten mit einem Amazon vor Ort Produkte, die man morgens bestellt, am Abend schon vor der Haustüre stehen. Vielleicht kann Amazon aber auch ein Weckruf für den Einzelhandel sein.

Im Oktober des vergangenen Jahres habe ich die Nachricht kommentiert, dass das traditionsreiche Spielzeuggeschäft Wanner in Aalen schließt und über Innenstädte im digitalen Wandel geschrieben. Den letzten Absatz möchte ich hier nochmal zitieren: „Auch ich will bequem mit meinem Smartphone recherchieren, Produkte vergleichen, Meinungen einholen. Egal, wo ich bin. Ich möchte aber auch in Geschäften stöbern, Schaufenster sehen, mich beraten lassen und gern auch vor Ort kaufen. Die Geschäfte müssen allerdings den Menschen ein Stück auf dem digitalen Weg entgegenkommen, sprich: es ihnen bequemer machen. Ja, auch ich habe mir vor Jahren einen E-Book-Reader von Amazon zugelegt. „Der Store“ (ein dystopisches Buch über eine Amazon-Welt von Rob Hart) habe ich aber in der Aalener City gekauft – nachdem ich in der App des örtlichen Buchhändlers die Rezensionen durchgelesen und gesehen habe, dass es in der Aalener Filiale vorrätig ist. Vielleicht ein Anfang?“

Der Einzelhandel, will er weiter bestehen, muss unbedingt noch weiter viele Schritte in Richtung Digitalisierung gehen. Die Ansprüche der Kunden sind gewachsen. Auch wenn Amazon sich am Ende vielleicht nicht in Schwäbisch Gmünd ansiedeln darf – Amazon ist jetzt schon da – und in der Hosentasche nur einen Klick entfernt.

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Soll sich Amazon in Gmünd ansiedeln?

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© Gmünder Tagespost 21.07.2020 18:00
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