Leitartikel Mathias Puddig zum Urlaub in Corona-Zeiten

Uns fehlt die Welt

  • Mathias Puddig Foto: Thomas Koehler/ photothek.net
  • Gut, sonnen kann man sich natürlich auch an Nord- oder Ostsee. Aber irgendwie hat so ein Urlaub auf Mallorca doch etwas sehr Verlockendes. Die Deutschen haben Fernweh. Foto: Clara Margais/dpa
Was ist das bloß für ein seltsamer Sommer. Nicht nur die Olympischen Spiele und die Fußball-Europameisterschaft sind der Pandemie zum Opfer gefallen, auch beim Urlaub ist wegen Corona auf nichts mehr Verlass. Konnten die Deutschen noch vor einem Jahr mit ihren bordeauxroten Pässen 187 Länder der Welt visafrei bereisen, so gilt für einen gehörigen Teil davon mittlerweile eine Reisewarnung. Selbst Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann rät von Reisen ins Ausland ab. Wer weiß schon, ob die Gesundheitsminister nicht doch noch eine Quarantäne verordnen, während man sich irgendwo am Strand von den Corona-Sorgen erholen will? Auf Nummer sicher geht man besser mit Urlaub zwischen der Ostsee und den Alpen, zwischen dem Spreewald und der Eifel. Ja, auch da ist es schön, so auf den ersten Blick. Doch auf den Zweiten träumen einige eben doch von der Auslandsreise. Denn seien wir mal ehrlich: Uns fehlt die Welt.

Ein Grund dafür mag die sichere Sonne im Süden sein, doch er ist der geringere. Denn viele planen ihre Urlaubsreise nicht nur nach der Wettervorhersage. Viel wichtigere Motivation ist die Begegnung mit dem Fremden. Viele Urlauber interessiert nichts so sehr wie die Menschen im Zielland und die Frage, wie sie dort leben. Sie wollen in der echten Trattoria bei den echten Italienern ihre Pasta essen. Sie wollen mit echten Finnen in einer echten Sauna sitzen. Und wenn es bloß nicht so schwierig wäre, würden sie auch gern mit echten Spaniern echten Flamenco tanzen. Sie suchen Authentizität, und wenn ihnen gefällt, was sie dabei finden, dann bringen sie ein Stück davon nach Hause mit – oft in gastronomischer Form.

Das passiert übrigens nicht erst seit gestern. In einem Essay weist der Historiker Bodo Mrozek darauf hin, dass schon im späten 19. Jahrhundert italienische Eisdielen in einigen Gegenden in Deutschland fest etabliert waren. In Hamburg gab es bereits um die Jahrhundertwende zahlreiche chinesische Restaurants, auch polnisch und skandinavisch konnte man dort schon vor mehr als 100 Jahren speisen. Der nächste gastronomische Boom folgte mit dem Aufkommen des Massentourismus. Ähnliches war übrigens auch in der Musik zu beobachten: Es ist kein Zufall, dass die Griechin Nana Mouskouri im urdeutschen Genre des Schlagers reüssierte. Es ist Zeugnis von Fernweh und der Sehnsucht nach dem authentischen Fremden.

Spätestens seit dem Wirtschaftswunder gehören die Westdeutschen zu den reisefreudigsten Nationen. Und die Ostdeutschen folgten ihnen, sobald es ihnen erlaubt war. Fernweh hat das Land verändert. Es ist vielfältiger geworden und neugieriger und sicherlich auch ein bisschen freundlicher. Umso schmerzhafter zeigt uns der Corona-Sommer auf, wie tief das Fernweh doch sitzt. Hoffen wir, dass 2020 deshalb auch beim Thema Reisen eine unangenehme Ausnahme bleibt und dass vielleicht schon nächstes Jahr die große weite Welt den Urlaubern wieder offen steht. Sie werden etwas Schönes mitzubringen haben.

leitartikel@swp.de
© Südwest Presse 01.08.2020 07:45
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