Hintergrund

Eisige Ablehnung

  • Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon hält nichts vom Brexit. Foto: Andrew Milligan/afp
Boris Johnson hatte sich selbst zum „Minister für die Einheit des Königreichs“ ernannt und müsste sich eigentlich selbst entlassen. Alle Versuche, mit Spritztouren durch Schottland, Wales und Nordirland die teilautonomen Länder für seinen harten Brexit zu begeistern, gingen gründlich schief. In Edinburgh, Cardiff und Belfast stieß der Engländer auf eisige Ablehnung.

Nach einem „offenen Gespräch“ sagte die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon zu Johnsons Weg: „Ich glaube, das ist extrem gefährlich für Schottland und in der Tat für das gesamte Königreich.“ Der Chef der walisischen Regionalregierung Mark Drakeford schlug in die gleiche Kerbe: „Brexit wird für Wales eine einzige Katastrophe.“ Im Londoner Parlament versäumt der Fraktionsführer der schottischen Nationalpartei, Ian Blackford, keine Gelegenheit, darauf hinzuweisen, wie sein Land von der britischen Zentralregierung mit „Missachtung“ gestraft wird, weil die Schotten mit deutlicher Mehrheit für den Verbleib in der EU gestimmt hatten. Letztlich könnte nur die Unabhängigkeit verhindern, dass der Brexit mit seinen ruinösen Folgen Schottland aufgezwungen wird. Bei der Volksabstimmung 2014 entschieden sich 55 Prozent der Wahlberechtigten gegen eine Aufkündigung ihrer Mitgliedschaft im Vereinigten Königreich. Meinungsumfragen zufolge würden jetzt 54 Prozent der Schotten für die Unabhängigkeit stimmen.

Ebenso mies ist das Verhältnis Londons zu Nordirland. Mit riesigen Summen aus dem EU-Regionalfonds wurde die durch den langen Bürgerkrieg zerrüttete Infrastruktur aufgebaut. Die einst schwer gesicherte Grenze zur Republik Irland verschwand. Ein aberwitziges Konstrukt soll nun verhindern, dass wieder eine harte Grenze auf der grünen Insel gezogen wird. Die Grenze verläuft nun in der irischen See. Die protestantische DUP, die die konservative Minderheitsregierung Theresa Mays in London unterstützte, fühlt sich von Johnson verraten und verkauft. Er habe mit dem Sonderstatus von Nordirland die heilige Union mit Großbritannien aufgebrochen.

Eine Fülle von Analysen prophezeit Johnson einen Pyrrhussieg mit dem harten Brexit. Er hat zwar Großbritannien aus der Europäischen Union geführt, aber läuft dabei in Gefahr, die Union des Vereinigten Königreiches zu zerstören. Hendrik Bebber
© Südwest Presse 01.08.2020 07:45
Ist dieser Artikel lesenswert?
Kommentar schreiben
Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.

Anmeldung zum E-Mail-Newsletter aus der Redaktion

Die wichtigsten und interessantesten Meldungen des aktuellen Tages aus der Redaktion direkt in Ihr E-Mail-Postfach – täglich und kostenlos jeden Abend.

Jetzt kostenlos anmelden

Aktuelle Meldungen direkt auf Ihr Handy