„Nur mit monströsem Betrug“

Staatschef Alexander Lukaschenko verliert immer mehr Rückhalt im Volk, sagt der Oppositionelle Waleri Zepalko.
  • Waleri Zepalko, Oppositionskandidat aus Weißrussland. Foto: Stefan Scholl
Waleri Zepalko war Diplomat und IT-Unternehmer. Dann wurde der 55-Jährige Oppositionskandidat in Weißrussland und floh nach Moskau. Er spricht über Weißrusslands Staatschef Alexander Lukaschenko, die Chancen auf einen Machtwechsel und mögliches Blutvergießen bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen.

Laut Alexander Lukaschenko wollten die 33 Russen, mutmaßlich Söldner, die bei Minsk festgenommen wurden, in Weißrussland Unruhen anzetteln.

Waleri Zepkalo: Das ist lächerlich. Was können 30 Mann erreichen, die keine Waffen bei sich haben, sondern nur Kondome? Mit denen macht man keine Revolution.

Auf der Krim und im Donbass setzte Moskau ähnlich kleine Trupps ein.

Aber diese Leute haben erst zwei Tage im Hotel verbracht, dann im Sanatorium, wo sie gefasst wurden. Sie zeigten überall ihre Pässe vor, ließen sich registrieren, versteckten sich vor niemandem. Ich glaube, sie waren auf der Durchreise, von Minsk aus kann man überall hinfliegen. Unsere Behörden wussten das und haben es offenbar ausgenutzt.

Manche glauben, Lukaschenko habe die Kämpfer selbst angeheuert.

Auch das schließe ich nicht aus. 2017 gab es eine ähnliche Geschichte mit einem Jeep voll bewaffneter Ukrainer, die dann alle freigelassen wurden. Die Weißrussen haben sich daran gewöhnt: Wenn Lukaschenko Probleme hat, gibt es irgendeine Explosion oder man fängt Guerilleros.

Vielleicht kommt es bei der nächsten Kundgebung zur Eskalation, und Lukaschenko verschiebt die Wahlen ganz?

Durchaus möglich. Als einzige Oppositionskandidatin hat er Sergei Tichanowskis Ehefrau Swetlana zugelassen. Und es zeichnet sich ab, dass er ehrliche Wahlen auch gegen sie verlieren wird.

Wie beliebt ist Lukaschenko noch?

Unabhängige Meinungsumfragen sind bei uns inzwischen ein Straftatbestand. Aber bei Internetumfragen landete er bei 3 Prozent. Offline mag seine Popularitätsrate bei 8 bis 10 Prozent liegen.

Ist es also möglich, diese Wahl an den Urnen zu gewinnen?

Es gibt viele Bürgerinitiativen, die darauf zielen, Wahlfälschungen zu verhindern. Weil Lukaschenko seine Macht nur mit monströsem Betrug retten kann.

Wenn Lukaschenko sich zum Sieger erklärt oder die Wahlen absagt, könnte das eine Straßenrevolution auslösen?

Natürlich. Stefan Scholl
© Südwest Presse 01.08.2020 07:45
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