Quo vadis, Gianni?

Kann der Schweizer Infantino sein Amt als Fifa-Präsident trotz eines Strafverfahrens behalten? Die Antwort muss nun die Ethikkommission geben.
Jetzt liegt alles in den Händen von Maria Claudia Rojas – und eigentlich ist die Kolumbianerin genau die Richtige für den „Fall Infantino“. Rojas gilt immerhin als Spezialistin für Analyse und Konfliktlösung, vermutlich hat sie 2017 auch deshalb den Posten als Chefermittlerin der Fifa-Ethikkommission erhalten. Einen echten Namen wird sich die Juristin aber wohl erst in den kommenden Tagen machen, sofern sie denn die erwarteten Untersuchungen gegen den mächtigen Fifa-Boss einleitet.

Mindestens genauso wie das Strafverfahren der Schweizer Bundesanwaltschaft muss Gianni Infantino seit Donnerstag auch Ermittlungen im eigenen Haus fürchten. Wenn sich Rojas und ihr Team Einblick in die Akten der Justiz verschafft haben, könnten für Infantino ungemütliche Untersuchungen seitens der Fifa-Ethiker folgen. So war es 2015, als Infantinos Vorgänger Joseph Blatter ein Strafverfahren am Hals hatte und kurz danach aus dem Verkehr gezogen wurde.

An der Spitze der Ethikkommission waren damals zwar andere, das Prozedere aber sollte noch immer gleich sein – fordert zumindest Blatter. „Ich bin der Meinung, dass die Ethikkommission nun aktiv werden muss. So, wie sie dies auch getan hatte, als ich suspendiert wurde“, sagte der 84-Jährige, der einst vom deutschen Richter Hans-Joachim Eckert gesperrt worden war.

Blatter hatte zuletzt bereits dem Boulevardblatt Blick gesagt, dass Infantino „als Fifa-Präsident nicht mehr tragbar“ sei. Vermutlich tätigte er diese Aussage vor dem Hintergrund vermeintlicher Verfehlungen Infantinos, die von der Ethikkommission in der zurückliegenden Zeit nicht untersucht oder zumindest nicht öffentlich geahndet worden waren.

Dies bestätigte die vielen Skeptiker, die eine zu große Nähe zwischen Infantino und der offiziell als unabhängig bezeichneten Kommission kritisieren. Rojas Vorgänger Cornel Borbely und Eckert galten jedenfalls als konsequent, vielleicht hatte sie Infantino auch deshalb vor dem Fifa-Kongress 2017 abgesetzt.

Ein Hoffnungsschimmer für den umstrittenen Fifa-Präsidenten, der in seiner Schweizer Heimat in eine Justizaffäre um den scheidenden Bundesanwalt Michael Lauber verwickelt ist, sind die Ausführungen im Ethikreglement der Fifa. Dort sind selbst nach der Eröffnung eines Strafverfahrens keine verpflichtenden Angaben zu Ermittlungen der Ethiker zu finden.

Unter dem Punkt „Aufgaben und Kompetenzen der Untersuchungskammer“ heißt es bloß: „Die Untersuchungskammer untersucht mögliche Vergehen gegen Bestimmungen unabhängig und nach freiem Ermessen.“ Und weiter: „Erscheint ein Tatbestand für die Untersuchungskammer nicht glaubhaft, leitet sie kein Untersuchungsverfahren ein und schließt den Fall.“

An einer anderen Stelle wird gefordert, dass die dem Reglement unterstellten Personen im Umgang mit staatlichen Institutionen politisch neutral und integer bleiben müssen. Aufgabe der Ethiker ist es also, herauszufinden, ob Infantino diese Voraussetzung bei den Treffen erfüllte – was er freilich selbst behauptet.

„Die Treffen mit dem Bundesanwalt sollten zur lückenlosen Aufklärung beitragen. Zum damaligen Zeitpunkt waren über zwanzig Verfahren gegen ehemalige Fifa-Mitglieder anhängig“, sagte Infantino als erste Reaktion am Donnerstag: „Dieser wesentlichen Aufklärungspflicht auch im Sinne der Fifa bin ich nachgekommen und werde dies auch weiter tun. Davon lasse ich mich nicht abbringen.“

Unterstützung erfährt Infantino aus Deutschland. Bayern Münchens Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge hofft, „dass Infantino die Dinge geregelt kriegt. Weil: Eigentlich wäre er der Mann, um die Fifa in ruhiges Fahrwasser zu bringen“. Rummenigge forderte zudem: „Es ist, glaube ich, wichtig, dass wir jetzt irgendwann mal wieder Ruhe in die Fifa kriegen.“ sid
© Südwest Presse 01.08.2020 07:45
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