Das Klein-Italien Stuttgarts

Das Lapidarium ist ein echter Geheimtipp: Die Anlage im Herzen der Landeshauptstadt gleicht einem Renaissancegarten.
  • Museumsleiterin Christiane Sutter genießt das italienische Flair im Stuttgarter Lapidarium. Foto: Ferdinando Iannone
  • Foto: GRAFIK BOCK
Man könnte daran vorbeigehen und würde es nicht mal merken. Versteckt zwischen Wohnhäusern liegt der Ort, den Christiane Sutter mit einer ausladenden Handbewegung als „Klein-Italien im Herzen der Landeshauptstadt“ bezeichnet. Dass es an diesem Tag drückend heißt ist, wie man es von Augusttagen in Rom kennt, mag den Eindruck noch verstärken. Jedenfalls steht man mit der 40-Jährigen, die seit eineinhalb Jahren zum Team des Stuttgarter Stadtmuseums gehört, unter alten Bäumen, blickt auf antike Skulpturen und fühlt sich tatsächlich in einen italienischen Renaissancegarten versetzt.

1950 wurde das sogenannte Lapidarium in der Mörikestraße 24/1 im Stuttgarter Süden eingeweiht. In der Nachbarschaft der versteckt liegenden Anlage finden sich herrschaftliche Gründerzeithäuser, außerdem die Karlshöhe, die einen schönen Blick über den Talkessel bietet. Nur einige Gehminuten entfernt tobt das Großstadtleben, doch hier im Zaubergärtlein herrscht das Kontrastprogramm: kein Gewusel, stattdessen entspannte Stille. Ein Lüftchen weht durchs Haar, die nächste Bank ist nicht weit. Urlaubsgefühle.

Schon der große Dichter Rainer Maria Rilke soll den Flair der Anlage genossen haben. Dass das Freilichtmuseum so verwunschen daherkommt, liegt wahrscheinlich auch daran, dass es nicht die Massen lockt. „Selbst viele Stuttgarter waren noch nie hier oder haben sogar oftmals noch gar nichts vom Lapidarium gehört“, sagt Sutter. An Resonanz mangele es deshalb aber nicht. Rund 8000 Besucher zähle man jährlich. Dafür, dass die Öffnungszeiten eingeschränkt seien – nur an drei Nachmittagen ist geöffnet –, sei das nicht schlecht. Nächstes Jahr soll das Lapidarium dennoch aufgepeppt werden. Mit Audioguides, neuen Führungs- und Veranstaltungsformaten. Ein Balanceakt – den Geheimtipp-Charakter der Anlage will Sutter schließlich auch nicht verderben.

Auf 4000 Quadratmetern erstreckt sich die Anlage, die sich der Steinkunst verschrieben hat. Lapidarium leitet sich vom lateinischen „lapis“ ab, was Stein bedeutet. Zu sehen sind rund 400 Exponate – von Skulpturen über Bauplastiken bis zu Teilen von Grabsteinen. Zurück geht die Sammlung auf Karl von Ostertag-Siegle, den Schwiegersohn des Farben-Fabrikanten Gustav Siegle, der im 19. Jahrhundert die BASF mitbegründete. Zur Hochzeit seiner ältesten Tochter Margarete hatte Siegle dem Paar ein stattliches Wohnhaus erbauen lassen, den angrenzenden Garten ließ Ostertag-Siegle, der großer Italienfan war, zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach dem Vorbild italienischer Renaissancegärten anlegen. Auf mehreren Reisen kaufte er ein und ließ die Stücke auf der Anlage auf- und ausstellen.

Dazu gehörte beispielsweise eine Kopie des Apoll von Belvedere, der bis ins 19. Jahrhundert als Inbegriff perfekter Körperharmonie galt und oft abgegossen wurde. Seit Ostertag-Siegles Zeiten hat die Statue ihren Platz nicht verlassen, erst kürzlich wurde sie restauriert. Eine anderes Highlight der Sammlung und eine Besonderheit in der baden-württembergischen Museumslandschaft ist der Wandelgang mit seiner Antikenwand, in die Grabbeigaben beziehungsweise Teile von Gräbern aus der römischen Kaiserzeit einbetoniert wurden. Vergleichbare Wände fänden sich unter anderem im Garten des Palazzo Barberini beziehungsweise der Villa Albani in Rom, heißt es im Museumsführer des Lapidariums.

Bis in die 1950er-Jahre wurden der Garten privat von der Familie genutzt. Dann wurde die ganze Anlage samt Wohnhaus an die Stadt verkauft – mangels Erben, wie Sutter berichtet. Auch das Haus der jüngeren Schwester Margaretes, die die nahe Villa Gemmingen bewohnt hatte, ging für Jahrzehnte in städtischen Besitz über. Der dazugehörige Garten – inklusive Tennisplatz – wurde dem Lapidarium zugeschlagen. Die Umrisse der Sportfläche sind noch heute zu erkennen.

Fortan brachte die Stadt in dem Garten auch Skulpturen unter, die ursprünglich an anderen Orten in Stuttgart gestanden hatten, die man aber erhalten wollte – wie etwa das „Muckenbüble“, das ursprünglich den Park der Villa Berg geschmückt hatte. Auch Teile von bedeutenden Gebäuden der Landeshauptstadt, die entweder im Krieg zerstört oder aus anderen Gründen abgerissen wurden, zieren die Anlage. Dazu gehören beispielsweise zwei Ritterfiguren, die früher am Alten Rathaus standen, oder das Portal des Gasthofs „König von England“ von 1798 – Stuttgarts erstem Café, wo Chopin zu Gast und eines seiner berühmten Werke komponiert haben soll. Nicht umsonst nenne man das Lapidarium auch das „steinerne Bilderbuch“ der Stadtgeschichte, sagt Sutter.
© Südwest Presse 01.08.2020 07:45
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