Lesermeinung

Zu „Etwa 100 Infizierte nach Trauerfeier“, SP, 4. August 2020

Sehr geehrte SchwäPo-Redaktion, vielen Dank für Ihre Berichterstattung zur Infektion nach einer Trauerfeier als Hinweis für die anhaltende Gefährdung durch das Coronavirus, die leider auch vor sehr emotionale Lebensbereichen nicht Halt macht. Was ich jedoch in Ihrem Text als nicht hilfreich empfinde, ist Ihr zweifacher Hinweis auf eine „muslimische“ Trauerfeier. Dieses könnte in einigen Ohren einen Zusammenhang herstellen, der sicher nicht existiert. Und es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass derartige Informationen in unserer Republik manipulativ für andere Zwecke missbraucht würden.

© Gmünder Tagespost 09.08.2020 19:16
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Harald Seiz

Leute wie Sie, die in Oberlehrerpose am liebsten bestimmen würden, welche Teile der Wahrheit publik gemacht werden dürfen und welche nicht, gehen mir gewaltig gegen den Strich. Die besagte Trauerfeier war eindeutig als muslimisch einzuordnen. Es wurde ein Moslem beerdigt, die Trauerfeier fand in der Moschee statt, die Trauerrede wurde von einem Imam gehalten, die Trauergemeinde bestand überwiegend aus Muslimen und das Grab liegt in einem Teil des Dreifaltigkeitsfriedhofs, der Muslimen vorbehalten zu sein scheint. 

Die Schlussfolgerung ob es einen Zusammenhang zwischen der offensichtlichen Missachtung von Hygieneregeln und der Tatsache gibt, dass es sich um eine muslimische Trauerfeier handelt, sollten Sie gefälligst den Lesern der Zeitung überlassen. Für mich war die vollständige Nennung aller Fakten zu dieser Trauerfeier jedenfalls hilfreich für das Verständnis, wie es zu dieser explosionsartigen Ausbreitung des Corona-Virus kommen konnte.

Und noch etwas zu dem "Zusammenhang", den Sie partout nicht sehen wollen. In den letzten Monaten sind auch in meinem nicht-muslimischen Bekanntenkreis liebe Menschen verstorben. Die Beisetzungen fanden mit Rücksicht auf die Pandemie im engsten Familienkreis statt.

Auch von Mitgliedern der muslimischen Minderheit in dieser Stadt erwarte ich ein Mindestmaß an Rücksichtnahme auf das Gemeinwohl.

Andreas Raether

Sehr geehrter Herr Seiz,

dass jegliche Menschenansammlungen wie Trauerfeiern eine erhöhte Ansteckungsgefahr mit sich bringen, dürfte mittlerweile eine Tatsache sein. Die Nichteinhaltung von Hygieneregeln erhöht ebenso auf nicht-muslimischen Trauerfeiern das Risiko einer Virusübertragung. Dieses allgemeine Risiko, das in dem Artikel vom 04. August 2020 nicht genannt wird, vermisse ich gleichfalls in Ihrer Argumentation. Stattdessen haben Sie sich verleiten lassen, zwischen Bürgern dieser Stadt Trennlinien zu ziehen, wo keine hingehören:

Durch Ihren Schluß vom Einzelnen auf das Ganze unterliegen Sie einem gängigen Denkfehler und verbauen sich dazu die von Ihnen gewünschte "vollständige Nennung aller Fakten". Da lasse ich mir von Ihnen keinen Maulkorb verpassen, wenn ich zu der Vollständigkeit beitragen möchte. Dass das Verhalten Einzelner, ohne Ansehen der Person, zu einer Verbreitung führte, bedurfte der Berichterstattung. Die Herausstellung einer Glaubensrichtung hingegen war unangebracht, zumal nach meinem geringen Wissensstand über den Islam die meisten nicht-muslimischen Richtungen in Bezug auf Hygieneregeln von der muslimischen eher lernen können.

Wer in der Pandemie meint, den Finger auf einen Teil von Menschen dieser Stadt zu richten, sie als Minderheit „in“ dieser Stadt zu benennen, von dem erwarte ich einen ernsthaft prüfenden Blick in den Spiegel, ob der dort Gesehene nicht einen Schritt zu weit gegangen ist.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Andreas Raether

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