Leserbeitrag von In my humble opinion

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Wir wissen alle, dass amazon kein Vorbild für hohe Löhne und auch kein Musterbeispiel für gezahlte Steuern ist, aber das liegt nicht zuletzt daran, dass amazon sich an die bestehenden Gesetze hält, diese zwar als Ober- und nicht als Untergrenze versteht, aber das ist keine rechtliche, nur eine moralische Frage – aber von Moral allein kann man nicht leben, nicht mal der, der sich über amazon beschwert. Wer von uns – mal ganz ehrlich – nutzt nicht alle erlaubten Möglichkeiten zum Steuersparen aus, wer zahlt freiwillig mehr als er müsste? Wenn amazon gegen bestehende Gesetze verstoßen würde, hätte das Unternehmen sicher schon eine Reihe von Klagen am Hals. Und das es nicht allein die Moral im Einzelhandel gibt, zeigt ja wohl auch die Diskussion um die Bonpflicht, diese wäre ja nicht nötig, wenn es da keinen Anlass gäbe. Insofern sollten die Beschwerdeführer nicht moralisch an amazon appellieren, sondern die hiesigen MdBs ins Gebet nehmen, warum es überhaupt solche Gesetze gibt, mit denen amazon so sparen kann.

Dann gibt es einen Bürgermeister, der sich beschwert, dass er sich formal nicht in die Ansiedlungspolitik einer Nachbargemeinde einmischen darf, obwohl es doch genügend Einsprüchler von außerhalb gab, die bei der Entscheidung um Einkaufsmärkte in seiner Gemeinde mitgequakt haben. Ich habe seinerzeit auch nicht verstanden, warum Gmünd bei solchen Ansiedlungen in Mutlangen ein Einspruchsrecht hat. Ich kann die Klage des BM nur so verstehen, dass er eher noch mehr Bürokratie möchte als weniger.

Und nun zum Einzelhandel und der vermuteten Schädigung durch ein Verteillager von amazon im Benzfeld. Der Einzelhandel leidet schon seit Jahrzehnten, der Niedergang der Konsumtempel wie Karstadt, Horten und Kaufhof ( Merkur, Woha in Gmünd ) spricht Bände, die ‚shopping malls‘ ( hier: City Center ) sind auch nicht mehr das, als was sie einst gefeiert wurden, die Leerstände sind auch ohne das Verteillager entstanden. Und schaut man sich die Geschäftsidee von amazon an, so fällt die Ähnlichkeit mit Quelle und Neckermann auf, die es aber – anders als Otto – nicht vom gedruckten Katalog ins Internet geschafft haben. Der Antritt von amazon ( und Google, Tesla, ebay ) ist für uns deshalb so erschreckend, weil diese sich mit geradezu religiös-fanatischem Eifer aufs Geschäft stürzen und sich nicht mit deutscher Behäbigkeit ( etwas spitz formuliert ) aufs ‚hammanich‘ und auf das ‚nimm doch das, das hamma da‘ beschränken.

Das Verteillager soll den Einzelhandel schädigen, die Lieferung von Frischware soll innerhalb zweier Stunden beim Kunden sein, so die Befürchtungen … und wegen des moralischen Zeigefingers aus Gmünd soll amazon sich in die Ecke stellen, sich schämen und reuevoll Besserung geloben? Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr …

Wo in aller Welt kann ich in der Innenstadt Gmünd denn noch Feinkost oder frisches Gemüse kaufen, es sei denn, auf dem Wochenmarkt – und wenn ich es am Sonnabend gekauft habe, ist es dann am nächsten Freitag noch ‚frisch‘? Wenn ich in die Vorstadt oder den Teilort fahre, kann ich im Lebensmittelsupermarkt an der ‚Frischetheke‘ sofort und morgens früh bis spätabends sofort das Obst und Gemüse mitnehmen – und auch den frischen Aufschnitt von der Fleischtheke gleich mit, da brauche ich nicht mal zwei Stunden auf die Lieferung zu warten. 

In allen anderen Fällen muss man sich genau überlegen, was der ‚Vorteil‘ der digitalen shopping mall von amazon gegenüber den Einzelhändlern und Fachgeschäften in der Stadt ist, warum so viele Sofa-Kartoffeln online bestellen und sich nicht in das ‚erotische‘ shopping-Abenteuer stürzen wollen. 

Wie oft bin ich schon durch Gmünd geirrt auf der Suche nach einem bestimmten Gegenstand des täglichen Bedarfs – und habe nichts gefunden, und wie einfach ist es, im Internet den Begriff einzutippen - und die ersten zehn Vorschläge sind von amazon oder ebay …

Und wenn ich in der Stadt eine Mandelstange kaufen möchte, kommt da der Gegenwert von einer oder zwei Mandelstangen für den Parkplatz oder die Busfahrkarte dazu – ist es mir das wert?

Daraus ließen sich Antworten herleiten, ein ‚Gmünd shop‘ im Internet, eine ‚Gmünd zone‘ als Lieferdienst und für die Kunden, die persönlich ins Geschäft kommen, eine ‚freie Fahrt‘. Und, ganz verwegen, aber auch nicht neu, vielleicht dazu eine überdachte Bocksgasse als ‚Freiluft shopping mall‘ …

Für die Stadt selbst sehe ich es einfach: Man muss rechnen, dass die Steuereinahmen der Stadt insgesamt größer sind als die Ausgaben für Infrastruktur und Sonstigem, denn Gmünd sollte amazon nicht noch subventionieren.

© In my humble opinion 25.08.2020 14:40
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