Corona-Sommer politisiert US-Sport

Wissenschaftler Gumbrecht sieht nach der Polizeigewalt gegen Schwarze unumkehrbare Veränderung in den Spitzen-Ligen. Athleten stärken demokratische Grundstruktur des Landes.
  • Die Spieler des NBA-Teams Milwaukee Bucks knien in Solidarität mit der „Black Lives Matter“-Bewegung vor dem Spiel nieder. Die Proteste gegen Polizeigewalt haben den US-Profisport politischer gemacht. Foto: Ashley Landis/AP/dpa
  • Der Literaturhistoriker Hans Ulrich Gumbrecht. Foto: privat
Vor wenigen Wochen haben Polizisten in Kenosha dem 29-jährigen Jacob Blake in den Rücken geschossen, davor wurde George Floyd in Minnesota von Polizisten getötet. Im US-Sport führte das zu Protesten, wie es sie noch nie gab. Eine unumkehrbare Veränderung sieht der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler und Philosoph Hans Ulrich Gumbrecht. Wir erreichen ihn am frühen Morgen an der Stanford University in Kalifornien.

Herr Gumbrecht, wird der Sport politischer?

Hans Ulrich Gumbrecht: Auf andere Weise politisch. In den späten 60er und 70er Jahren hat man von kommunistischer Seite dem professionellen Sport vorgehalten, er diene der Ablenkung. Das war auch eine These über die politische Funktion des Sports. Neu ist heute, dass Sportler Rollen und Funktionen übernehmen, die man bis vor kurzem primär mit Intellektuellen identifiziert hat.

In den USA nutzen Basketballer ihr Renommee, um politische Forderungen zu stellen – nämlich die Nutzung von Stadien als Wahllokale bei der Präsidentschaftswahl am 3. November. Wie ist das zu erklären?

Da kommen zwei Begebenheiten zusammen: Nämlich der Knieefall des Football-Quaterbacks Colin Kaepernik vor vier Jahren und der Corona-Sommer von 2020. Der Protest vor vier Jahren war in der Wirkung noch verhalten. Jetzt, im Corona-Sommer, haben die Menschen Zeit, sich auf bestimmte Passionen zu konzentrieren. Zudem waren die Livebilder von der Ermordung George Floyds besonders drastisch. Wir haben in den USA eine aufgeladene politische Stimmung wie lange nicht mehr. In dieser Situation haben die Proteste der Sportler mehr gezündet.

Vor vier Jahren beschimpfte der heutige Präsident Trump Kaepernik noch als „Hurensohn“. Kaepernik verlor seine berufliche Existenz.

Das muss man relativieren. Top-Spieler wie Colin Kaepernik sind mit ihren Gehältern finanziell abgesichert. Das Risiko liegt eher darin, dass sie ins Abseits gestellt werden, dass sie polarisieren und eine Meinung äußern, die nicht jedem Fan behagt.

Doch Schimpftiraden wie vor Jahren noch hört man heute eher selten. Auch an der Liga-Spitze ist es still.

Da hat sich was getan. Die Basketball-Liga NFL und Trump sind vor Jahren noch davon ausgegangen, dass es eine solide Mehrheit gegen Gesten wie den Kniefall gibt. In diesem Sommer ist das offenbar anders. Es scheint heute in den USA eine solide Mehrheit dafür zu geben, dass, wer mit einem Kniefall protestieren will, er das Recht dazu hat. Diese Mehrheitsverschiebung wäre nicht so sichtbar geworden, wenn der Sport nicht diese Popularität hätte.

Hat sich nur die Stimmung verändert oder auch der Sport?

Dramatisch die öffentliche Stimmung. Auf meinem Uni-Campus sehe ich überall Aufschriften mit „Black lives matters“ (Schwarze Leben zählen). Es gibt eine enorme Präsenz von Politik. Die Athleten haben das mit befördert.

Der Protestfunke ist übergesprungen vom „farbigen Sport“ zum „weißen Sport“. Ist das neu?

Wenn man den Begriff Rassismus im engen Sinn verwendet, nämlich, dass es eine Überlegenheit gewisser Rassen gegenüber anderen Rassen gibt, so unterstützen das nicht mehr als fünf oder zehn Prozent meiner Mitbürger. Die Profi-Verbände haben gesehen, dass es ihnen nicht schadet, wenn Spieler sich für eine Reform der Polizeiausbildung oder Gesetzesverschärfungen einsetzen. Da hat sich etwas verschoben und das ist unumkehrbar.

Ein starkes Wort. Was lässt Sie hoffen?

Vielleicht, dass man erkennt, dass agitatorische Einstellungen nicht die Mehrheitsmeinung wiedergeben. Auch bei uns teilen viele die Einsicht, dass nicht jeder mit jedem befreundet sein muss, es aber für alle besser ist, wenn man auskömmlich miteinander lebt.

Ist damit zu rechnen, dass der Sport Teil des US-Wahlkampfes wird?

Der Wahlkampf ist durch die Unterminierung der Briefwahl in einer spezifischen Weise sehr schmutzig geworden. Darauf haben auch die Athleten keinen großen Einfluss mehr. Ein Missbrauch ihrer Popularität sähe ich darin, wenn sie für oder gegen Trump werben würden. Dann würden Sportereignisse zu einer sekundären Bühne der Politik verkommen. Großartig ist jedoch die Idee, Stadien als Wahllokale zu nutzen. Das ist eine Unterstützung für die demokratische Grundstruktur des Landes. Und das entspricht der neuen Rolle des Sports.

Erstaunlich war, dass die Basketball-Liga NBA auf die Forderungen der Sportler eingegangen ist. Aus Einsicht? Um Ruhe zu haben? Oder aus wirtschaftlichen Erwägungen?

Unsere vier großen Ligen – die NBA (Basketball), MLB (Baseball), NHL (Eishockey) und die NFL (Football) – sind wirtschaftlich extrem gut organisiert. Die haben keine Schulden. Sie wollen einfach gute Geschäfte machen. Für sie ist es wichtig, sich nicht selbst ins Abseits zu stellen. Deshalb gehen sie mit der Mehrheit. Das ist dann gefährlich, wenn diese Mehrheit sich in eine ungute Richtung entwickelt.

Erwarten Sie, dass das Signal vom US-Profi-Sport auch auf andere Länder überschwappt?

Mein Eindruck ist, es gibt in den EU-Ländern einen breiteren politischen Konsens als bei uns. In Deutschland gibt es die „Tagesschau“ und Virologen mit Autorität, die meinungsbildend sind. Die Stimmung ist weniger aufgeladen und die Debatten um „Black lives matters“ sind in den Hintergrund gerückt. Da könnten vergleichbare Sport-Proteste den Eindruck entstehen lassen: Das habe ich doch schon alles gehört.

Bei uns herrscht die Meinung vor, dass der Sport „neutral“ sein soll. Auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) warnt davor, Sport mit Politik zu vermischen. Lässt sich diese Linie halten?

Das Internationale Olympische Komitee wurde von dem französischen Adeligen Pierre de Coubertin gegründet. Er hat Ideale der europäischen Aristokratie in die olympischen Regeln eingebracht. Die Sportler sollen danach „reine“ Menschen sein. Das IOC sieht diese Konzeption als zeitlos an und bemerkt nicht, dass sich Dinge ändern. Sportler haben durch ihre Popularität eine große Reichweite und sie umgibt nicht die Aura des intellektuell Überlegenen. Das ist ein Vorteil und kann ihre Wirksamkeit im positiven Sinn verstärken.

Gibt es augenblicklich im US-Sport noch nennenswerte Proteste?

In der NBA wird wieder gespielt und darüber bin ich froh. Doch immerhin hatte der Sport einen starken Aufschlag. Ein Ass sozusagen.
© Südwest Presse 12.09.2020 07:45
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