1. FC Heidenheim 2. Liga

„Über allem steht der Existenzkampf“

Haarscharf hat der 1. FC Heidenheim den Aufstieg in die Bundesliga verpasst. Nun beginnt die neue Saison in der 2. Liga. Trainer Frank Schmidt über überzogene Erwartungen und die Kraft des positiven Denkens.
  • Leidenschaftlich coacht Trainer Frank Schmidt seine Mannschaft von der Seitenlinie aus. Mit dem 1.?FC Heidenheim startet der 46-Jährige am Sonntag in die neue Spielzeit. Foto: Tom Weller/dpa
Frank Schmidt ist der Dino unter den Trainern in der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga, dabei ist er erst 46. Er geht in sein 14. Dienstjahr als Chefcoach des Zweitligisten 1. FC Heidenheim. In der vergangenen Saison wäre sein Team als Underdog fast in die erste Liga aufgestiegen. Kurz vor dem Start der neuen Runde stellt er sich unseren Fragen.

Herr Schmidt. Haben Sie das Aus im DFB-Pokal bei Drittligist Wehen-Wiesbaden schon verdaut?

Frank Schmidt: Wir haben nicht die Leistung gebracht, die man von uns erwarten darf. Wichtig ist jetzt, dass wir diese Niederlage nutzen, um einen Schritt nach vorne zu machen.

Am Sonntag empfängt Ihr Team Braunschweig im ersten Liga-Spiel in der Voith-Arena. Ein Aufsteiger, der gerade Bundesligist Hertha BSC aus dem DFB-Pokal geworfen hat. Keine leichte Aufgabe, oder?

Es gibt keine Garantie, dass man einen Aufsteiger schlägt, weil dieser auch Erfahrung und Qualität mitbringt. Ich weiß nur eines: Wir wollen einen guten Start. Weil das schon fast eine Garantie ist, ein Stückweit sorgenfrei zu sein. Denn es ist nicht so schön, wenn man von Anfang an der Musik hinterherläuft.

Wie ist denn die Vorbereitung verlaufen?

Sie war anders als sonst. Das ist aber logisch, wenn Veränderungen stattfinden, wie sie bei uns eingetreten sind.

Sie haben einige Leistungsträger verloren. Torjäger Tim Kleindienst ist weg, die Mittelfeldspieler Niklas Dorsch und Sebastian Griesbeck haben den FCH ebenfalls verlassen.

Ja, das stimmt. Viele reden vor allem über diese Spieler.

Sie nicht?

Doch, schon. Ich würde aber auch Timo Beermann und Arne Feick und Robert Strauß nennen, die nicht mehr da sind und mit ihrer Erfahrung in der Kabine und im Trainingsbetrieb richtig wichtig waren für uns.

Neu ist die Situation aber nicht. Auch im vergangenen Jahr mussten Sie wichtige Akteure ziehen lassen.

Diesmal aber ist es schon ein größerer Umbruch.

Was bedeutet das konkret?

Die Automatismen innerhalb des Teams sind noch nicht vollends hergestellt. Die neuen Spieler müssen integriert werden. In der Mannschaft muss sich eine neue Hierarchie entwickeln.

Wie viel Zeit benötigt das?

Naja, es geht nicht von heute auf morgen. Das geschieht im Training, im Spiel und in vielen Gesprächen. Es ist ein Prozess.

Viel Zeit hat man im Profisport nicht. Die Ergebnisse müssen stimmen.

Das ist wahr. Wir brauchen die ersten Spiele, um zu wissen, in welche Richtung es mit uns geht.

In der vergangenen Saison ging es fast nach oben. In einer dramatischen Relegation zur Bundesliga ist der FCH knapp an Werder Bremen gescheitert. Wie schüttelt man eine derartige Enttäuschung ab?

Einer solchen Chance trauert man erst einmal brutal nach. Weil man nicht weiß, ob sie je wieder kommt. Das ist einfach so.

Sie haben vor der Relegation von einer Lebenschance gesprochen.

Genau. Aber ich bin ein positiv denkender Mensch. Ich sage mir: Verschwende keine Energie an Dinge, die du nicht mehr ändern kannst. Man muss den Blick schnell nach vorne richten.

Nun ja, das sagt sich so leicht.

Ich bin ein Typ, der das kann. Da helfen mir übrigens auch die vielen Erfahrungen, die ich im Fußball schon gemacht habe. Es entspricht nicht meinem oder unserem Naturell, zu jammern. Wir haben in der Vorbereitung auf die kommende Saison kein einziges Mal über die Relegationsspiele gegen Bremen gesprochen.

Kein einziges Mal?

Ehrlich! Jetzt, wo Sie mich darauf ansprechen, fällt es mir erst auf. Ich habe bis heute auch nicht die Zusammenfassung der Spiele gesehen. Da ist ein Haken dran.

Wenn man so nah dran war am Aufstieg, dann weckt das Erwartungen im Umfeld, bei Fans und Sponsoren. Bereitet Ihnen das Sorge?

Nein. Wir wollen es besser machen als viele Teams, die in der Relegation gescheitert sind.

Und dann in der darauffolgenden Runde einen herben Einbruch erlebt haben ...

Die kommende Saison wird eine Herausforderung für uns mit einer in Teilen veränderten Mannschaft. Aber wir wollen uns auch nicht einreden, dass die Gefahr besteht, dass wir hinten reinrutschen in der Tabelle. Das ist mir zu negativ gedacht.

Welches Ziel geben Sie aus?

Über allem steht in der zweiten Liga der Existenzkampf. Das gilt auch für uns. Wir haben intensiv trainiert und sind auch darauf vorbereitet, dass wir in diesem Jahr keine Winterpause haben.

Wie stark ist die zweite Liga denn in diesem Jahr?

Die Liga wird vielleicht noch ausgeglichener als zuletzt sein.

Wer steigt auf?

Ich denke, dass Nürnberg, Hannover und der HSV vorne reinstoßen können – oder vielleicht sogar müssen. Darmstadt 98 und der VfL Bochum wirken gefestigt. Dazu wird sicher noch ein Überraschungsteam kommen, wie wir es in der letzten Saison waren. Die Absteiger wie Paderborn und Düsseldorf haben immer die Chance, wieder um den Aufstieg mitzuspielen. Einen Top-Favoriten sehe ich ehrlich gesagt nicht.

Warum sollte der FCH nicht wieder die Liga aufmischen?

Es kann angesichts des erneuten Umbruchs nicht die Erwartung sein, dass wir wieder Platz drei oder sogar zwei erreichen. Es ist gut, dass wir in uns ruhen und mit beiden Füßen auf dem Boden stehen. Wir bleiben bescheiden, haben Respekt vor der Liga, aber auch den Anspruch, die nötige Einstellung mitzubringen, jeden schlagen zu können. Wir wissen, wie zweite Liga geht.

Die spannende Frage ist doch: Kann Ihr Team das Niveau aus dem Vorjahr erreichen?

Das Gute ist: Wir haben nach wie vor mit unserem Torwart Kevin Müller sowie den Defensivleuten Marnon Busch, Patrick Mainka, Norman Theuerkauf und Jonas Föhrenbach gestandene Spieler. Da sind wir eingespielt – und ich weiß, das funktioniert.

Im zentralen Mittelfeld hingegen müssen Sie sich neu erfinden.

Neu erfinden würde ich jetzt nicht unbedingt sagen. Aber es stimmt schon: Wir müssen mit Niklas Dorsch (KAA Gent, Anm.d.Red.) und Sebastian Griesbeck (Union Berlin, Anm.d.Red) zwei Top-Spieler ersetzen. Das ist eine spannende Aufgabe. Da gibt es aber Ideen.

Welche denn?

Sagen wir mal so: Es gibt verschiedene Varianten. Aber genaues kann ich noch nicht sagen.

Was sagen Sie zum Auftaktprogramm? Erst Aufsteiger Braunschweig, dann St. Pauli und Bundesliga-Absteiger Paderborn.

Aufsteiger, etabliertes Team, Absteiger. Ich würde sagen, wir haben es mit dem Querschnitt der zweiten Liga zu tun. Aber im Ernst: Mir war das schon immer egal. Den Spielplan kann ich nicht ändern. Da sind wir wieder beim Thema. Es ist gut wie es ist.
© Südwest Presse 17.09.2020 07:45
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