„Spieler sind Mittel zum Zweck“

In seinem Buch „Verbrechen am Fußball“ beschäftigt sich der Polizist Michael Bahrs mit organisiertem Wettbetrug. Ein Gespräch über Manipulation, menschliche Beweggründe und Verwässerung von Spielen.

  • Vertritt die Werbebotschaft des Wettanbieters tipico: Oliver Kahn. Foto: Volkmar Könneke Foto: Volkmar Könneke
  • Verbrechen am Fußball: Meine Ermittlungen gegen den organisierten Wettbetrug, Koehler in Maximilian Verlag, 192 Seiten, 19,95 Euro
  • Michael Bahrs. Bild: Conni Klüter

Michael Bahrs ist Europas profiliertester Kriminalpolizist in Sachen Wettbetrug im Fußball. In seinem Buch berichtet er erstmals darüber, wie Matchfixing ermöglicht wird. Einblicke in seine Ermittlungen zeigen, wie das „System Fußball“ funktioniert und warum der weltweite Markt für Fußballwetten ein Milliardengeschäft ist.

Herr Bahrs, in Ihrem Buch „Verbrechen am Fußball“ schreiben Sie, von Fußballfunktionären immer wieder zu hören: „Wetten ist ja nicht verboten.“ Was sagen Sie als Ermittler?

Michael Bahrs: Wetten ist nicht verboten, das stimmt. Es geht ja auch nicht um das Wetten an sich, sondern um die Mittel, die dahinter stecken. Es gibt 1000 Beispiele von legalen Dingen, die ich illegal nutze, so ist es beim Wetten auch. Nur hinter Wetten stecken solche wirtschaftlichen Interessen, dass man es als Ermittler schwer hat, zu argumentieren.

Sepp Herberger sagte mal: „Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht.“ Trifft das heute noch zu?

Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, das trifft nicht mehr zu. Denn dann würde man hinter jedem Spiel pauschal etwas Verdächtiges wittern. Allerdings ist der Sport als Kräftemessen verwässert. Mittlerweile spielen andere Dinge eine Rolle, als nur zwei Mannschaften, die sich gegenüber stehen und schauen, wer besser Fußball spielen kann. Die Einflussnahme von außen gibt das nicht mehr her, und die Gefahr einer Manipulation ist da.

Gab es einen besonderen Grund dafür, ein Buch über dieses Phänomen zu veröffentlichen?

Ich habe in den letzten zehn Jahre versucht, dieses Thema weiterhin salonfähig zu machen, damit sich in diesem Bereich etwas ändert. Schon mehrfach lehnte ich Verlagsangebote ab, weil es mir nicht um „Skandale“ geht oder darum, jemanden inhaltslos zu kritisieren, wie etwa die Fußballverbände. Jedoch versuche ich Verbrecher zu fangen und Straftaten zu verhindern. Bislang verpufften meine Argumente scheinbar – denn viel geändert hat sich nicht. Ich sehe in dem Buch eine Chance vielleicht doch noch etwas Gehör zu finden.

Wo beginnt aus Sicht des Polizisten bei der Einflussnahme ein Bereich, in dem Ermittler eingreifen können?

Ermittlungsbehörden können eingreifen, wenn Spieler manipuliert werden oder vor Spielen Absprachen getroffen werden. Darin geht es zum Beispiel um einen bestimmten Ausgang, eine bestimmte Anzahl von Einwürfen oder darum, wer den ersten Elfmeter bekommt.

Welche Problematik ergibt sich dabei?

Nur weil wir die Sensationen nicht auf den Titelseiten der Zeitungen haben, bedeutet das nicht, dass es nicht passiert. Und da sollten wir uns anders aufstellen und könnten den Sport etwas retten. Diese Einflussnahme kann man aus meiner Sicht bekämpfen – aber wie bei anderen Delikten auch – nie ganz ausrotten.

Wenn Sie von Einflussnahme sprechen, kommt sicher vielen ein Fall wie der des Schiedsrichters Robert Hoyzer in den Sinn. Welche Akteure gibt es noch bei einer Manipulation?

Die Manipulation findet ja auf dem Fußballplatz statt. Ohne die Protagonisten auf dem Spielfeld ist sie nicht möglich. Die, die mittelbar daran beteiligt sein müssen, sind Spieler, Schiedsrichter und eventuell Trainer.

Das bedeutet?

Wenn man weiß, wer der die Zielgruppe ist, kann man präventiv agieren und bestimmte Leute ansprechen. Aber Ganoven versuchen teils auch als Sponsor an wirtschaftlich schlecht dastehende Vereine heranzutreten und versuchen Spieler im Verein unterzubringen. Dass ein Verein da erstmal interessiert ist, wenn ihm eine gewisse Summe geboten wird, ist normal. Sind die Spieler dann involviert, kann sich das ganze entwickeln. Ein Netzwerk krimineller Spieler wächst, wenn weitere Spieler angesprochen werden.

Sie schreiben auch, dass Sie sich anfangs die Frage gestellt haben, warum Fußballspieler so etwas machen. Haben Sie eine Antwort gefunden?

Weil es menschlich ist. Viel Geld schützt einen ja nicht vor dem eigenen Charakter und der Einstellung.

Das heißt, Manipulation von Fußballspielen hat nichts mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Liga zu tun?

Nein, überhaupt nicht. Nicht der ganze Verein wird manipuliert, sondern einzelne Personen, die anfällig sind. Wird ein guter Spieler in eine höhere Liga transferiert, bleibt er trotzdem in den kriminellen Fängen und wird auch in der ersten Liga noch manipulieren, weil er aus dem Geflecht nicht rauskommt. Er ist bares Geld für die Kriminellen.

Welche Spiele trifft es?

Es ist für die Kriminellen geschickter, auf Spiele einzuwirken, die nicht so im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Man stellt immer wieder fest, dass bestimmte Ligen genommen werden, bei denen Fernsehübertragung nicht so eine große Masse anziehen wie bei den ganz großen Ligen. Aber wir haben die Fälle, dass auch in großen europäischen Ligen manipuliert wird, dass Nationalspieler zugegeben haben, manipuliert zu haben.

Also kann man aus Sicht der Polizei sagen, wen sich Betrüger als Opfer suchen?

Ja, Betrüger haben leichtes Spiel, sobald sie wissen, wo sich Spieler häufig aufhalten. Es ist nicht der Mafiosi, der mit Sonnenbrille und Geldkoffer in Diskos und Restaurants auf Spieler zukommt. Vielmehr sind sie rhetorisch fit, im Sport etabliert und haben ein Netzwerk von anderen Spielern, mit denen sie hausieren gehen. Wenn der Betrüger dem Spieler ständig etwas spendiert oder einen Gefallen tut, fühlt dieser sich irgendwann moralisch zur Gegenleistung verpflichtet, vor allem wenn sich ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt.

Welcher Satz ist ihnen in diesem Zusammenhang in Ihrer bisherigen Ermittler-Laufbahn besonders im Kopf geblieben?

Mir hat mal ein Krimineller in einer Vernehmung gesagt: Ihr könnt 89 Minuten das Spiel eures Lebens machen, aber in einer Minute arbeitet ihr für mich. Und das bringt es genau auf den Punkt. Wenn ein Profisportler auf dem Fußballplatz steht und von Anfang an einen Müll spielen würde, weil er denkt ich muss heute schlecht spielen, weil ich ja gegen uns gewettet hab, dann würde er nach fünf Minuten ausgewechselt werden. Er muss also die Balance finden und den richtige Zeitpunkt zum Manipulieren.

Oliver Kahn ist einer von mehreren ehemaligen Profispielern, die Markenbotschafter für Sportwetten sind. Trägt das dazu bei, dass Wetten salonfähiger werden?

Das, was Oli Kahn, Lukas Podolski und viele andere machen, ist nicht verboten. Zu kritisieren ist aber, dass man weiß: Spieler sind das einzige Mittel zum Zweck für eine Wettmafia. Wenn mir daran gelegen ist, den Sport zu schützen und das Risiko von Fußballspielern, besonders von jungen, so gering wie möglich zu halten, muss ich mir moralische Fragen stellen. Die Fußballvereine sind auf Sponsorengelder angewiesen und wenn es nun mal Wettanbieter sind, würden sie sich nicht hinstellen und sagen „Wetten ist blöd, aber wir machen Trikotwerbung dafür.“ Also bekommt man da nie eine moralisch saubere Antwort.

Macht die Vielfalt der Wettanbieter Ihre Ermittlungsarbeit schwieriger?

Nein. Je mehr Kriminelle es gibt, die sich daran bereichern und orientieren, umso mehr Fälle gibt es ja auch. Umso einfacher wäre es dann auch, Ermittlungen aufzunehmen.

Welche Rolle spielt Asien im Wett-Mafia-Markt?

Asien ist ein Sechser im Lotto für die Kriminellen, weil es anders als bei uns kein Limit der Wettplatzierung gibt. Dort kann man fast auf alles wetten, sogar auf Jugendspiele aus Deutschland. Deshalb ist es lukrativ für Leute, die wissen, das nächste Spiel ist manipuliert und die den höchst möglichen Ertrag rausholen möchten ohne ein Limit bei der zu setzenden Summe haben.

Wie ist es in Deutschland?

In gleich gelagerten Fällen werden sogenannte Runner eingesetzt. Das heißt, das Netzwerk bedient sich an Läufern, die in zig Wettbuden gehen und Wetten auf manipulierte Begegnungen platzieren. Der Nachteil für die Ganoven ist, je mehr Menschen über eine Manipulation Bescheid wissen, umso anfälliger ist das System.

Welche Sportarten – außer Fußball – sind noch betroffen?

Alle, auf die man wetten kann. Kriminelle haben im Auge, dass sie illegal Gelder generieren können, ohne dabei aufzufallen. Man muss einfach konstatieren, dass im Sport mit wenig Aufwand sehr viel Geld zu machen ist. Im Tennis etwa gibt es Spieler, die sich bereits fürs nächste Turnier anmelden, obwohl das konkurrieren würde mit dem eigentlichen Turnier, an dem sie gerade teilnehmen. In bestimmten Einzelsportarten kann man also besonders gut manipulieren, weshalb sie sehr lukrativ sind für die Wett-Mafia und organisierte Kriminalität.

© Südwest Presse 30.09.2020 07:45
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