Die Impfstoff-Hoffnung

Curevac aus Tübingen gilt vielen schon als Heilsbringer im Kampf gegen das Coronavirus. Doch in den kommenden Monaten muss sich erweisen, ob die RNA-Technologie aus dem Ländle funktioniert.
  • Blick in die Curevac-Produktion, wo derzeit ausschließlich der Impfstoff-Anwärter hergestellt wird. Foto: Curevac
  • „Wir müssen jetzt liefern!“: Curevac-CEO Franz-Werner Haas. Foto: Curevac
Am Ende wird das Coronavirus für Fortschritt gesorgt haben – so oder so. Seit 20 Jahren jagt das Tübinger Biopharma-Unternehmen Curevac nach dem Moment, um sich endgültig beweisen zu können – und nach den finanziellen Mitteln dafür. Beides ist mit der Corona-Krise gekommen, allerdings dramatischer, als es sich die 500 Curevac-Beschäftigten in Tübingen gewünscht haben dürften. Der neue Curevac-CEO Franz-Werner Haas sagt deshalb bei den seltenen Gelegenheiten, ihn persönlich zu sprechen, Sätze der Entschlossenheit wie: „Genau da müssen wir jetzt abliefern!“ Haas muss mitten in einem beispiellosen unternehmerischen Wirbel Hoffnung vermitteln: auf einen technologischen Quantensprung, den es so ohne das Coronavirus wohl nicht geben könnte.

   

Das Wachstum Für Curevac war im Frühsommer ein EU-Kredit von 75 Millionen Euro noch eine Meldung wert, danach ging es Schlag auf Schlag: GlaxoSmithKline stieg mit 150 Millionen ein, der katarische Staatsfond QIA mit 110 Millionen, der Bund mit 300 Millionen. Der Börsengang im August brachte rund 250 Millionen. Zuletzt schüttete das Forschungsministerium weitere 252 Millionen Euro über Tübingen aus.

Die Curevac- Entwicklung ist ein echter Geldfresser: 200 Mitarbeiter will das Unternehmen kurzfristig neu einstellen. Leute aus 40 Nationen arbeiten in Tübingen und es werden weiter weltweit Wissenschaftler, Ingenieure, Projektmanager gesucht. Zum Ausbau der Produktion braucht Curevac zudem Labor-Assistenten en masse.

Grob drei Viertel der Börsen-Millionen könnten am Ende in die Impfstoff-Entwicklung, ein Viertel in die Produktion fließen. Derzeit beginnt in Peru und Panama die zweite Phase der Impfstoff-Tests: zwei Impfungen im Abstand von rund vier Wochen an knapp 700 Menschen, um Wirkung, Nebenwirkungen und Sicherheit zu prüfen

„Die Studie wurde mit längerem zeitlichen Vorlauf geplant“, sagt Curevac-Sprecherin Bettina Jödicke-Braas: „Dabei spielte auch die Höhe der Infektionszahlen eine wesentliche Rolle.“ Erstmals sind auch Ältere unter den Freiwilligen. Danach braucht Curevac noch einmal weitere 30 000 Probanden (darunter erstmals welche mit leichteren Grunderkrankungen), um den Impfstoff in Europa, Lateinamerika, Afrika und Asien in der Breite zu testen. Bis wann? Möglichst noch in diesem Herbst.

Die geplante Revolution Vor 2020 waren es vor allem mutige Biotech-Mäzene wie der SAP-Gründer Dietmar Hopp oder die Bill-and-Melinda-Gates-Stiftung, die Geld in Curevac gesteckt haben. In der Branche ist es eben alles andere als sicher, dass Investoren ihr Geld wiedersehen. Selbst der Microsoft-Gründer Gates sagte kürzlich, erst in zehn Jahren hätte man mit der mRNA-Technologie dem Virus mit wirklich breiter Brust begegnen können.

Wenn mit Hilfe der Anti-Corona-Milliarden gezeigt wird, dass es funktioniert, wäre das eine Revolution: mRNA-Daten könnten mit einem Mausklick um die Welt geschickt werden, wo sie gegen Krankheiten eingesetzt werden könnten. Ein Segen für Milliarden – und ein Milliardengeschäft.



Das Rennen Schon seit März produziert Curevac den Impfstoff-Anwärter CVnCoV auf Verdacht: Das Unternehmen will sofort in die Verteilung gehen können, wenn die Zulassung da ist. Ein „signifikanter dreistelliger Millionenbetrag“ an Dosen könne bis Ende 2021 ausgeliefert werden. Dafür baut Curevac derzeit. Von 2022 an soll eine Großanlage mit Blick auf die Schwäbische Alb im Milliarden-Maßstab produzieren.

Curevac-CEO Haas weiß, dass prominente Mitbewerber mit dem Impfstoff schneller sein könnten. Doch angesichts Milliarden benötigter Dosen und Qualitäts- und Distributions-Nöten überall auf der Welt zeigen sich die Tübinger sicher, früh genug und stark in den Markt einsteigen zu können.

Und parallel entwickelt Curevac seine „mRNA-Drucker“. Das sind mobile Einheiten, die unabhängig von Großanlagen überall schnell Wirkstoff liefern sollen – eine Kooperation mit der deutschen Tesla-Tochter Grohmann.

   

Der Rummel Überhaupt, Tesla: Dessen CEO Elon Musk war mit seinem jüngsten Besuch in Tübingen einer der zahlreichen Größen im Curevac-Umfeld, die das Messias-Image des Unternehmens anheizen. Als Curevac-Share- oder Stakeholder traten Wirtschaftsminister Peter Altmaier, EU-Chefin Ursula von der Leyen, Bill Gates, Dietmar Hopp und Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf. Medienwirksam ließ sich Tübingens OB Boris Palmer in die Reihe der ersten Impfstoff-Probanden aufnehmen.

Curevac ist derzeit das unbestrittene Aushängeschild für den Hochtechnologie-Standort Tübingen – und das in einer Zeit, in der Global Player wie Bosch und Amazon große Forschungszentren im Neckar-Städtchen hochziehen. Das erste Mal in seiner Wirtschaftsgeschichte steht das kleine Tübingen an der Spitze einer akuten, weltweiten Dynamik.

   

Das Drama Greifbar war die Dramatik dieses Jahres binnen weniger Tage Anfang März. Dan Menichella, damals noch Curevac-CEO, sprach im Weißen Haus vor Präsident Donald Trump über Impf-Technologien gegen Corona. Gerüchte schossen ins Kraut: Wollte der Egomane Trump die Tübinger Produktion einfach wegkaufen? Das Unternehmen dementiert bis heute glaubhaft – doch in der komplexen politisch-wirtschaftlichen Gemengelage übernahm sofort der Curevac-Gründer Ingmar Hoerr wieder das Ruder als CEO.

Hoerr blieb es wenige Tage – dann erkrankte er plötzlich und unerwartet. Seitdem leitet Franz-Werner Haas den Vorstand und die Biotech-Legende Hoerr ging zunächst monatelang auf Tauchstation. Seit dem Börsengang zeigt er sich wieder auf Pressekonferenzen und mit prominenten Besuchern wie Elon Musk.

Wohin die Reise des Dynamikers Hoerr, der die mRNA-Technik in Tübingen noch als Doktorand ersonnen hatte, künftig geht, ist noch nicht verkündet. Doch die Botschaft aus dem Tübinger Technologiepark lautete: Es geht aufwärts.
© Südwest Presse 17.10.2020 07:45
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